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"Eine brutale Komödie"

Eberhard Wagners „Länderspiel“ in der Studiobühne

von Frank Piontek


Christine feilt sich, sichtlich frustriert, die Nägel. Otto wartet aufs Länderspiel, Tante Emmi verarbeitet Zeitungen zu Klopapier und Siggi, Christines Mann, macht in seinem Rollstuhl ein trauriges Gesicht. Agressives Schweigen liegt in der Luft. Das Leben vergeht im Wartezustand. Ja, richtig: „Es missat was passieren.“

Und es passiert eine ganze Menge. Eberhard Wagners „Länderspiel“, 1982 an der Studiobühne uraufgeführt, hat sich die Intensität der „Passiererei“ erschreckend bewahrt. Länderspiele gibt es immer wieder, der alltägliche Haß, die alltäglichen Verwirrungen, die sich in der (von Michel Bövers spielpraktisch wie authentisch zusammengezimmerten) Kneipe katastrophisch steigern, sie sind nur allzu bekannt. Umso wunderbarer, daß Wagners „Mundartkömödie“ als kritisches Volksstück, so vorhersehbar auch die Geschichte der kaputten Beziehungen scheint, immer noch überraschend wirkt. Fragt sich nur, was „komisch“ ist an dem souverän gebauten Stück. Friedrich Dürrenmatt hatte wohl recht, als er sagte, daß man der heutigen Zeit nur mit Komödien beikommen könne. Daß im Geschlechter- und Familienkampf das Lachen von eher brutaler Art ist, gehört mit zur Kalkulation des Autors, der in der traurigen Kneipe den ganz normalen Faschismus, die ganz normale Gefühlkälte, die durchschnittlichen Verzweiflungen entdeckt.

Es ist eine „Kömödie“, also ein „Spiel“, gewiß. Otto gibt seine deutschnationalen Parolen aus, die frustrierte „Freundin“ Marianne macht der ebenso frustrierten Christine Vorhaltungen und wirft ihr schonungslose Gemeinheiten an den Kopf, und die geizige Tante mindert ihre Gefühlskälte gegenüber der Familienbagage nur in wenigen Momenten. Wagner zeigt, wie er schrieb, „eine hochexplosive Stimmungslage, die sich aus den allseitigen Agressionen zwischen den Handelnden speist“ – eine Stimmungslage, die nur ein verkleinertes Abbild einer „Vorkriegsstimmung“ ist. Man wirft sich lebenslügen vor, man beleidigt sich. Jeder hat einen Grund, den anderen zu erschiessen, jede kaputte Beziehung wirkt sich heillos auf die nächste aus. Kein Wunder, daß am Ende das Spiel, dank eines geheimnisvollen Revolvers, in blutigen Ernst umschlägt – aber vor dem „tragischen Finale“ hat Wagner eine absurde Wendung gesetzt. Sie zeigt jedoch nur, daß die Konflikte des Volksstück mit Vernunft nicht zu lösen sind – glücklicherweise, denn was das starke Ensemble der Studiobühne unter dem Regisseur Marcus Leclaire an konzentriertester Spannung bietet, ist nicht ungemein, sondern durchaus gemein intensiv. Toll, wie die mörderische Stimmung unter den Eheleuten, Verwandten und falschen Freunden sich entwickelt. Ausnahmslos jede der sechs Hauptrollen ist glänzend besetzt: Ilse Schörners erschreckend robuste Tante Emmi, Sylvia Lauterbachs unglückliche Christine, Conny Trappers genervte Marianne, der wehleidige wie brutale Max des Martin Betz, Joseph Maisel als roher, fußballverrückter Kindskopf Otto und der bissige wie melancholische Siggi des Frank Ammon, der die Puppe der verstorbenen Tochter so bewegend liebkost, als wäre die „Docke“ sie selbst: sie alle zeigen, wie ehrliches und doch kunstvolles Volkstheater heute aussehen kann.

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