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Leseprobe 1

Ines Beatrix Brückle: "Brückenwelten"



Wind

Wind, Wind, oh Wind,
du himmlisches Kind!
Streichst über mein Gesicht,
Angst kennst du nicht.

Huschst über meinen Nacken,
hör ich Segel am Ufer knacken.
Wasser kräuselt, Gräser tanzen,
schweb über der Welt als Ganzem.

Trägst Stille und Lärm herbei,
wirbelst Blätter und Drachen entzwei.
Duftgeschwängert dein Atem,
in süßem Odem lässt baden.
Für Staub aber und Gestank
erntest du keinen Dank.
Wind, Wind, du Wind
bist ein allzu irdisches Kind.



Verwandlungen

Kind mit braunlockigem Seidenhaar
und kess geschwungnen Lippen -
gibt es nicht mehr!
Verwandlung durchlitten.

Blasses Wesen mit wirrem Gestrüpp,
zu viel auf den Rippen -
gibt es nicht mehr!
Verwandlung erstritten.

Mädchen mit romantischen Flausen im Kopf,
Körper dem Geist unterworfen -
gibt es nicht mehr!
Verwandlung – Methamorphen.
Mutter mit wuschligen Köpfchen umgeben,
geht voll auf in andrer Leben.
Gibt es nicht mehr!
Verwandlung ergeben.

Raupenzeit mit immer neuem Kleid.
Vergangenheit macht gegenwartsbereit.
Wo steckt mein wahres Ich?
Wo findet meine Seele mich?

Einfach Frau sein mit Flausen im Kopf.
Einfach wohl fühln unter wildem Schopf.
Einfach freun, was mir das Leben bringt.
Nichts bereun, weil alles weiter bringt.

Irgendwann werd ich mich verpuppen.
Zufrieden ruhn in meinen Schuppen.
Irgendwann zum letzten Male schlüpfen,
als Flügelwesen in den Himmel hüpfen.



Piccola Mamma - Bambino mio

„Una camera ... per una notte ... oh, mamma mia!” Halb erschrocken, halb amüsiert lässt ein junges Pärchen die Entrüstungsstürme von Mamma Felicia über sich ergehen. Sie, eine fast noch kindlich anmutende, grazile Erscheinung mit einem roten Piratentuch auf den braunen Wuschellocken, er, ein Bär von einem Mann mit schelmischen Stoppelhaaren und Drei-Tage-Bart. So stehen sie wehrlos einem wahren Orkan italienischer Moralgefühle gegenüber, entfesselt durch die harmlose Frage nach einem Doppelzimmer für eine Nacht. In Maestre, der Hafenstadt vor Venedig, dürfte das doch kein Problem sein, so hatten die beiden leichtsinnigerweise gedacht. Doch Mamma Felicias Augen blicken unheilverkündend, energisch und angriffsbereit in ihre Richtung.
Die beiden stehen in ihrem Fahrraddress, verschwitzt und müde, eher wie zwei arme Sünderlein da und machen eigentlich kaum den Eindruck, als ob sie heute noch Lust auf wilde Liebesakte hätten. So richtig Land und Leute wollten die Hobbyradsportler kennen lernen, im Land des Giro d`Italia. Seit vier Tagen sind sie nun mit dem Fahrrad unterwegs, vom Brenner nach Venedig, ausgezogen, um sich einen Traum zu erfüllen. Sie haben in einem Zick-Zack-Kurs wenig bekannte Pässe gemeistert, verschüttete Tunnelstrecken umklettert, atemberaubende Ausblicke genossen, interessante Menschen getroffen und sich sprachlich durchgekämpft.
Für heute reicht es allerdings! In Venedig wollen sie am hellen Vormittag ankommen, nicht abends um acht. Außerdem sollte von der Urlaubskasse auch noch etwas für die Tickets für die Heimfahrt per Bahn übrig bleiben. Da kam der Tipp einiger Hafenarbeiter in der Kneipe „Frutti di Mare“ gerade recht: „Versucht es mal bei „La Mamma“ mit der Übernachtung!“
Unsanft werden sie von der Stimme der gleichermaßen resoluten wie temperamentvollen Pensionsbesitzerin aus ihren Überlegungen gerissen: „Una piccola Italiana e un grande Tedesco, per una notte, o madonna“, schlägt Mamma Felicia abermals die Hände über dem Kopf zusammen. Mit einer leichten Kehrtwendung schießt sie auf Bernhard zu: „Ich habe ein Haus anständig katholische, nix für deutsche Mann und kleine Italienerin!“ Der Gescholtene versucht sich zu verteidigen: „Aber, aber, erstens ist dies keine Italienerin und zweitens meine Frau. Ines, komm, wir zeigen ihr die Ringe“, fordert er seine Begleiterin auf. Gesagt, getan. Aber Ringe mit Namen und gleichem Datum, pah, für Geld bekomme man heute alles, werden sie aufgeklärt. Im Augenblick scheinen die Chancen, hier das erwartete gemütliche Nachtquartier zu moderatem Preis zu erhalten, auf den Gefrierpunkt zu sinken.
„Italiana“, stellt Felicia mit fachmännischem Seitenblick auf die junge Frau fest. „Augen braun, Haare braun, Haut braun, klein und schlank, ecco – keine Tedesca.“ Während sie noch mit ihrer Beweisführung beschäftigt ist, zieht der junge Mann die beiden deutschen Personalausweise hervor und hält sie ihr schweigend unter die Nase. „Mann groß und breit, deutsche Akzent – ich glaube, dass Ausweis corretto. Aber Mädchen?“ Ein großes Fragezeichen steht im Raum. Die Matrone zieht die Stirn in Falten. Kann sie doch einfach nicht glauben, was sie nicht glauben will. Da zuckt auch schon der Blitz der Erleuchtung über ihr Gesicht. „Da, alter Name durchgestrichen, neuer darübergeschrieben. Ha!“ Mit einem triumphierenden Grinsen schlägt sie die Hände zusammen. „Passaporto von Mädchen gefälscht.“





Ines Beatrix Brückle: Brückenwelten. Rehau: © Burg Verlag 2006, S. 8, S. 20, S. 34f.



Preise

Wir gratulieren Nevfel Cumart, der Preisträger des diesjährigen Kulturpreises der E.ON Bayern ist!

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