Leseprobe 1Wojciech Kopciński: "Der Nebel"
Beim Fernsehen zu Hause, habe ich bei jeder Werbeunterbrechung umgeschaltet. In der Klinik fing ich an, die Pausen zu schätzen, denn auf diese Weise war es nicht nötig, die Handlung des Filmes zu versäumen, wenn ich eine Zigarette rauchen ging. Geraucht haben fast alle von uns, denn wenigstens diese eine Sucht wollte man uns nicht verbieten. Obwohl es für die Deutschen nicht üblich ist, einem anderen eine Zigarette anzubieten, bot mir doch der ein oder andere eine an. Ich lehnte immer dankend ab, denn seit Jahren schon drehe ich meine Zigaretten selbst und solche mit Filter schmecken mir nicht mehr. Möglich, dass einige von ihnen dachten, ich hätte Marihuana unter den Tabak gemischt, aber keiner fragte nach. Während der Raucherpause rezensierten die Klugen die gerade gesehenen Szenen des Filmes, die Dummen konnten nur über die Spielweise der Schauspieler urteilen. Manchmal fragten sie mich nach meiner Meinung. Aus Angst, dass sie mich falsch verstehen könnten, hielt ich mich mit meinen Äußerungen zurück.
In den Fernsehzeitungen waren die Filme je nach Einschätzung oder Wertung deutscher Rezensenten gekennzeichnet. In der Regel wurde ein sehenswerter Film mit einem roten Stern, der übrigens etwas Ähnlichkeit mit dem Stern des Stalinpalastes hat, ein schlechter mit einem rosafarben und ein sehr schlechter, um nicht zu sagen beschissener Film, mit einem schwarzen Stern gekennzeichnet. Komisch nur, dass fast alle roten Sterne an deutsche Filme vergeben wurden. Bevor ich mir die Filme anschaute, las ich die Bewertung der mündigen Bürger eines demokratischen Landes, die gerechte und ehrliche Kritiken zur Orientierung der Zuschauer sein sollen. Dann vergab ich meine Sterne. Um ehrlich zu sein, konnte ich bei der Bewertung des deutschen Films sehr oft nur einen schwarzen Stern vergeben. Etwas anders war es mit Filmen aus anderen Ländern. Da konnte ich mich öfter auch zu einem rosa Stern hinreißen lassen. Das bedeutet, dass die deutschen Kritiker entweder vom Film keine Ahnung haben oder bei der Bewertung die ausländischen Filme negativ, die deutschen aber zu gut beurteilen. Abgesehen davon, dass das Kunstwerk unvoreingenommen betrachet werden muss, muss der Kritiker natürlich auch den Mut haben, etwas Schlechtes zu sagen. Meine Freunde, die mit den zu 20%, vom Alkohol ruinierten Gehirnen, beachteten die Sterne auch, gaben aber trotzdem ihr unabhängiges Urteil zu deutschen und auch ausländischen Filmen ab. Aber wen interessiert schon die Meinung eines Süchtigen.
Wojciech Kopciński:
Der Nebel. Aufenthalt in der Suchtklinik. Dreieich: © MEDU Verlag 2007, S. 55-56.
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