Leseprobe 2Wolfgang Brunsch: "Aus anderer Landschaft"
Faltenwurf
Durch den tauigen Kelch
ihrer Wimpern
schreitet
die zögernde Spitze
des Fächers:
und es neigt sich
der Duft ihres Blickes.
Im Herbst ihrer Augen
Kürzer verharrt die Spanne der Zeit
und taumelnder
wie das Herbstblatt
der Schwere entgegen
bräunlichen Bodens.
Doch hebt diese,
nur den Betrachter täuschend,
im Taumel die Zeit auf
und verhält,
trunken im Rot der sinkenden Sonne,
bis der Schluß der Bewegung
sie schließt:
ohne Umkehr.
Vorfrühling
Beim Brechen der Scholle
verströmt die Zeit sich im Licht des Windes:
wenig nur haftet noch an ihr
von jener Sehnsucht
streifenden Hingabe.
Leiser Regen über der Stadt
("il pleut doucement sur la ville"):
nicht wehrend, grenzte ihr,
lau im Duft des grünen Abends,
das Licht der Straße
die staunende Stille des Innenraums.
Ich sehne mich nach jener Sehnsucht:
die das Leben abrieb
die die Zeit abstieß
die die Pflicht verführte.
Die Scholle verströmt sie,
wiedergekehrtes Angebot:
leise, unaufdringlich, geduldig, bleibend,
wie die Hostie der Kommunion.
Mir bleibt atemloser Dank:
für das Überdauern ihrer Form in mir,
für ihre ungefragte Gastnahme derselben.
In: Aus anderer Landschaft - ZEITschrift 100 (2001), S. 115, S. 116, S. 118.
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