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Leseprobe 2

Wojciech Kopciński: "Kreuzfeuer"


Jedes Jahr ist unser Haus mit unseren Freunden gefüllt, den geprüften, aber auch den neu erworbenen. Die Hauswände und der uns umgebende Wald erhalten jährlich von unseren Freunden den schönsten Teil ihrer selbst, denn jeder Besuch hinterließ einen Teil seiner Seele. [...]
Nur in Womirówka kann man den Menschen so kennen lernen, wie er wirklich ist. Die Zeit vergeht dort wie im vorigen Jahrhundert, ohne den Stress, dem Geld hinterher zu rennen oder Fernsehen zu schauen. Die Gespräche dort haben noch Sinn, du triffst nicht ins Leere. Die gesprochenen Worte haben noch einen Wert, denn woanders werden sie in der Eile getötet und wir merken dabei nicht einmal, dass unser Tod immer näher kommt.
Ich lade dich herzlich zu uns ein, in die Womirówka zu kommen, denn mit etwas Glück könnte es dir gelingen, allen meinen Freunden zu begegnen. Es ist ein Ort, an dem die Nacht nicht nur ein Zeichen des nahenden Todes ist, sondern auch ein Zeichen für den Sinn der menschlichen Bemühungen gegenüber Gott und anderen. Nur dort zwischen den Bergbewohnern versteht man die Weisheit, die man nirgendwo erlernen kann. Nur dort, zwischen ihnen, lernt man die Welt zu verstehen, akzeptiert sie so, wie sie ist und verliert dabei die Angst vor dem Tod, der uns angeblich alles raubt.
Ich sah die tägliche Arbeit dieser Menschen auf dem Feld und auch ihren sozialen Einsatz für die Kirche. Dabei habe ich begriffen, was es heißt, bis zum Ende auf Gott zu vertrauen. Geld zu spenden ist zu wenig. Die Bergbewohner machten mir das ganz bewusst.
Viel wichtiger ist es, die Kirche neben dem täglichen Kampf um das Überleben der Familie durch Muskelkraft beim Kirchenbau zu unterstützen, selbst wenn die Knochen und Muskeln eigentlich schon nicht mehr können. [...]
Sogar beim Hineinschauen in den deutschen Himmel sehe ich die Tage vor mir, die ich in den Bergen verlebt habe. Unsere kleinen Berge hier um Altenkunstadt sind zwar nicht so schön wie die anderen, doch auch sie erinnern mich an die geliebten Gesichter der Bergbewohner. Sie sind es, die sogar die unendliche Klugheit meines Volkes und die unglaubliche Liebe für jedes Detail dieser Berge, die sie schon längst hätten verlassen sollen, beweisen. In jedem Gespräch, selbst in alkoholisiertem Zustand, schwärmen sie von ihnen. Wer schafft es noch, sich so unvorstellbar zu plagen, den Sonnenaufgang früh um 5 Uhr vor dem Kühemelken zu sehen, wer von uns Polen macht sich wegen der Arbeit tot, um das Vaterland zu retten?
Vielleicht stelle ich mich eines Tages in ihre Reihen, um die Gesetze, die tausend Jahre alt sind, zu retten. Vielleicht wird ihre Klugheit aus mir einen besseren Menschen für den Rest meines Lebens machen. Wenn Gott es will, werde ich meinen Lebensabend bei ihnen verbringen. [...]
Zum Abschluss des Aufenthaltes der Gäste in der Womirówka gab es ein Lagerfeuer. An wie viele Tage seines Lebens kann sich ein Mensch erinnern? Ich weiß es nicht. Wenn ich die Augen schließe, fällt mir nicht sehr viel davon ein, doch an unser letztes Treffen werde ich mich bestimmt noch auf dem Sterbebett erinnern können.
So etwas erlebte ich schon einmal. Mein Leben lief in ein paar Sekunden vor meinen Augen ab. [...]
Ich schaute und hörte wie verzaubert zu, bis zu dem Augenblick, als die ganze Welt für mich nur noch aus Musik bestand. Noch nie in meinem Leben habe ich Drogen genommen, doch es drehte sich alles, aber anders als nach Alkoholgenuss. Endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich schon so lange gewartet hatte.
Die Damen hatten angefangen, solo zu singen, ohne dabei einen Machtkampf ausüben zu wollen. Sie sangen, denn nur durch Singen können sie alles erzählen. Worte allein reichen dafür nicht. Jeder gesungene Ton war klar wie nie zuvor und unendlich wahr. [...]
Diesen Augenblick hätte ich am liebsten für ewig behalten wollen, sogar den Tod würde ich in diesem Augenblick freudig begrüßen. Plötzlich spürte ich das Innere meiner Seele: ich fand meinen Platz in dem unendlichen Weltall. Zum ersten Mal fühlte ich mich als ein Teil von dieser Welt, die Gott erschaffen wollte, und meine Seele fühlte sich frei.


Wojciech Kopciński: Kreuzfeuer. Zwischen Absturz und Lichtblicken. Ein Leben für die Kunst. Tagebuch. Dreieich: © MEDU Verlag 2004, S. 117, S. 118, S. 122, S. 160, S. 161, S. 162.



Buchrezensionen

"Kreuzfeuer", rezensiert von Andreas P. Pittler. In: Wiener Zeitung vom 28. April 2005