Leseprobe 2Friederike Schmöe: "Käfersterben"
Snsnsn. Der Fotograf turnte um den Tatort herum und schoss Bilder. Katinka stand neben Hauptkommissar Harduin Uttenreuther innerhalb der Polizeiabsperrung und betrachtete das Opfer. "Kann einem ja leid tun", sagte einer der Beamten. "Und schon der zweite in dieser Woche."
"Glauben Sie, da ist ein Serientäter am Werk?", rief Britta, kramte einen Schreibblock aus ihrer XXL-Tasche und pickte mit den Zähnen den Kugelschreiber aus seiner Halterung. "Beerenstrauch, Fränkischer Tag, Lokalredaktion, Sie wissen schon." Der Beamte feixte. "Ja, ja, wir kennen Sie. Sieht stark danach aus. Was meinen Sie, Kollege?"
Er sah sich nach Hauptkommissar Uttenreuther um. Der schob die Hände in die Jeanstaschen und sagte: "Mir kann's egal sein. Ich habe ab morgen Urlaub."
"Kommen Sie schon, Kommissar. Mord fällt doch in Ihr Ressort, oder?" Der Mann formte mit den Händen zwei Pistolen und schoss in die Luft. Katinka achtete nicht auf die Frotzelei der beiden. Ihre Freundin Britta, Lokaljournalistin bei Bambergs Tageszeitung, hatte sie angerufen und zum Tatort bestellt. Schließlich sollte die einzige Privatdetektivin am Ort wissen, was seit Neuestem in der Stadt abging. "Eine Mordserie der ganz üblen Art", hatte Britta aufgeregt in Katinkas Ohr geschrieen. Nach einem flotten Spurt durch den Nachmittagsverkehr auf ihrem Fahrrad stand Katinka nun neben der 'Leiche' am unteren Ende der Molitorgasse und sah den Polizeitechnikern bei der Arbeit zu. Neugierige drängten sich zu Dutzenden um die rot-weißen Plastikbänder. In den engen Gassen und auf der Brücke war wenig Platz. Polizeimeisterin Sabine Kerschensteiner, die Katinka von früheren Fällen kannte, bemühte sich nach Kräften, die Gaffer wegzuschicken. Einige rissen Witze, andere empörten sich lautstark. Wörter wie Saubande fielen. Das Stimmengewirr mischte sich mit dem Rauschen des Flusswassers in den Turbinen. Katinka umkreiste den 'Toten'. Ein Langschwert steckte im Dach, Ströme von Blut liefen über die Seitenfenster auf das kupferbraune Blech. "Schade drum", murmelte Harduin Uttenreuther neben Katinka. "Tja, da hat es ein Spinner auf Käfer abgesehen. Nicht auf irgendwelche. Auf Cabrios. Letzte Woche ein orangefarbener mit schwarzem Verdeck am Heumarkt, jetzt der Counterpart."
"Ist das Ketchup?", fragte Katinka einen Mann im weißen Overall und deutete auf das Blut.
"Probieren Sie mal!" Er wischte mit seinem Latexfinger über die rote Masse und hielt ihn Katinka unter die Nase. "Danke, zu freundlich", sagte Katinka angewidert. Sie wickelte die Jeansjacke fest um sich. Dieser Sommer begann eindeutig zu kalt und zu nass.
"Wir finden die Marke schon noch raus", sagte er. "Schmeckt nach einem Hauch Chili. Tja, bald beginnt die Grillsaison. Sie sind doch Frau Palfy, oder? Die Privatdetektivin mit dem sicheren Händchen für Leichen. Wie wäre es mit dieser hier?"
"Schickes Modell," entgegnete Katinka. "Und wer sind Sie?" Die gönnerhafte Art des Mannes nervte.
"Fleischmann, Lutz." Er grinste. "Ich bin auch ganz gut für Tipps, nicht nur der Herr Hauptkommissar."
Er wandte sich wieder dem VW zu.
"Ich wusste gar nicht, dass Sie in Urlaub gehen", sagte Katinka, als sie sich wenig später mit Uttenreuther auf den Weg machte. Britta war schon davongebraust, um ihren Artikel für die morgige Ausgabe fertigzuschreiben. Katinka war mit Hauptkommissar Harduin Uttenreuther, genannt Hardo, seit ihrem ersten Fall als private Ermittlerin vor einem guten Jahr auf du und du. Sozusagen, denn sie siezten sich nach wie vor, wenn auch ihre private Beziehung irgendwo zwischen Kollegialität und Freundschaft angekommen war. Bei Teilen der Polizei schien das Anlass für flache Witze zu sein. Jedenfalls waren ihr Lutz Fleischmanns Worte so im Ohr geklungen.
"Keine Rede. Ich bleibe im Lande und läute die Kellersaison ein." Keller – Katinka atmete das Wort ein und spürte, wie es sich wohlig in ihrem Körper ausbreitete. Die Bamberger Bierkeller hatten wirklich ein ganz besonderes Flair. Die Wirtschaften unter freiem Himmel befanden sich auf den Hügeln der Stadt, über den ehemaligen Kühlkellern der Brauereien. Ab dem späten Frühjahr pilgerten Bamberger und Gäste bergauf, um die lauschige Atmosphäre und natürlich nicht minder den frisch gebrauten Gerstensaft zu genießen. "Bisschen kühl noch", gab Katinka zu bedenken, während sie über die Obere Brücke liefen. Der Mai hatte sich warm und sonnig angekündigt, bei der Stabübergabe an den Juni jedoch geschwächelt. Die Temperaturen lagen bei wenig überzeugenden 14 Grad, und ein scheußlicher Wind fegte in Böen über die Stadt. "Sie werden sich warm anziehen müssen." "Schafskälte nennt man das. Fällt Ihnen nichts auf?" "Was denn!" "Ich habe den Fall für Sie freigegeben." Hardo grinste sie an. Sommers wie winters in Jeans und Holzfällerhemd, seine altbekannte Lederjacke drüber, Turnschuhe an den Füßen, wirkte er äußerlich überhaupt nicht wie ein Polizist. In seinen grauen Augen aber glomm stete Wachheit, eine Aufmerksamkeit, der nichts und niemand entging. "Sie können mich mal", sagte Katinka. "Nur weil sie mich schon oft genug aus den Ermittlungen raushaben wollten, stoße ich jetzt bestimmt keine Jubelschreie aus. Was soll ich mit dem Fall? Solange ich keinen Auftraggeber habe, der mich bezahlt …" Er hob die Hände.
"War nicht böse gemeint, Palfy."
"Schon o.k." Sie riss sich zusammen, schließlich konnte man Uttenreuther eines nicht vorwerfen: nachtragend zu sein. Also wollte sie in nichts nachstehen. "Trinken wir noch einen Kaffee?"
"Warum nicht." Hardo öffnete die Tür zum Café Riffelmacher. "Das Einzige, was ich heute noch tue, ist, meinen Schreibtisch aufzuräumen."
Sie setzten sich an einen Tisch beim Eingang. Katinka war dankbar um den bullernden Ofen in der Ecke.
"Der Käfer eben", sagte sie. "Der hatte kein Bamberger Kennzeichen. Einen Milchkaffee, bitte."
"Eine heiße Schokolade", sagte Hardo. "Scharf beobachtet. Der erste auch nicht."
"Wie lange dauert das, bis Sie den Halter ermitteln?"
"Geht flott. Haben die Kollegen bestimmt schon erledigt."
Katinka fuhr mit dem Zeigefinger über die Zuckerdose.
"Sie brauchen auf lange Sicht einen Informanten bei der Zulassungsstelle", sagte Hardo. "Als Detektivin, meine ich."
Katinka lächelte abwesend. Sie hatte gar nicht richtig gehört, was er sagte. Sie dachte über etwas nach.
"Diese Morde, wenn man sie so nennen kann, sind mir unheimlich." Hardo betrachtete sie ruhig. Wie immer, wenn er aufmerksam zuhörte, hefteten sich seine Augen wie Scheinwerfer auf seinen Gesprächspartner. Katinka spürte, wie sie unsicher wurde. Oft genug peinigte sie der Eindruck, seinen Erfahrungen und seinem Wissen nicht gewachsen zu sein. Er hatte in seinen knapp dreißig Jahren bei der Polizei einfach einen viel zu großen Vorsprung. In schwachen Momenten glaubte sie, ihn niemals einholen zu können. Aber selbst wenn ihr der Wind um die Ohren pfiff, wollte sie sich den Mut nicht nehmen lassen. "Seit Anfang der Woche findet doch dieses Oldtimer-Treffen statt", sagte sie. "Es stand in der Zeitung. Da sind sicher auch Käfer dabei."
"Ja. Und?"
Katinka zog den Kopf ein. Ja. Und. Ihm war natürlich alles klar, während sie selbst laut grübelte. Verlegen wischte sie sich über die Stirn. Schön blöd. Hättest du dir doch denken können, dass Hardo auch schon das Oldtimer-Treffen in Betracht zieht.
"War nur laut gedacht."
Die Getränke kamen. Katinka wärmte sich die Hände an der Milchkaffeeschale.
"Die Kollegen haben die Autofans schon befragt. Der Käfer von Anfang der Woche gehörte keinem der Teilnehmer. Der Besitzer ist ein Urlauber, der auf dem Weg in den Süden in Bamberg Station gemacht hat. Ein junger Student, er hat in der Jugendherberge in der Wolfsschlucht übernachtet."
"Der arme Kerl. Sein Urlaub ist damit wohl zu Ende."
"Höchstwahrscheinlich."
Katinka verrührte den Milchschaum.
"Mir kommt das Ganze so … rituell vor."
"Eine Inszenierung?"
"So in der Art. Wenn ich jemandem das Auto kaputtmachen will, dann ist nichts einfacher, als mit einem Pfennigsnagel einmal über den Lack zu gehen."
Hardo hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.
"Der Täter musste in das Schwert investieren. Es sah teuer aus. Dann musste er Ketchup kaufen. Da kann er das billigste genommen haben. Was ich meine … Warum das alles?"
"Das Schwert ist eine interessante Sache", meinte Hardo. "Solche Schwerter findet man gar nicht häufig. Es sind Samuraischwerter, die haben einen speziellen Griff, extra Schneide, besonders geschwungen, was weiß ich. Und Sie haben recht: So eine Waffe ist teuer. Ab 300 Euro sind Sie dabei. In der vorliegenden Ausführung kosten sie bestimmte einiges mehr." Er schob seine Tasse hin und her. "Die Kollegen haben sich drangemacht, entsprechende Anbieter zu ermitteln. Es gibt in ganz Europa eine Reihe von Spezialgeschäften. Aber auch die üblichen Waffenläden verkaufen welche."
Er trank seine Schokolade in einem Schluck leer.
"Und es ist nicht verboten, Schwerter zu kaufen, richtig?", fragte Katinka.
"Exakt." Er lächelte. Wie immer sprang das Lächeln einmal von Mundwinkel zu Mundwinkel und erlosch.
Friederike Schmöe: Käfersterben. Katinka Palfys vierter Fall. Meßkirch: © Gmeiner Verlag 2006, S. 9-15.
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