Leseprobe 3Wolfgang Brunsch: "Niemandsland"
Begegnung
Im Zuwenden Ihres Blickes
Brach die matt-duftende Haut
Ihrer Brust auf:
Eine Knospe aus der nachlässigen
Umklammerung
Ihres Seidenkelches.
Innehalten
Die Spur eines Grashalms
Spiegelt sich in der matten Feuchte
Ihrer offenen Hand.
Der träge Duft ihrer Hüften
Schmiegt sich in die Falten
Eines bitteren Baumes.
Auf ihren Mandellippen
Perlt der tönende Funke
Einer schwebenden Blüte.
Der Wind säumt
Das zögernde Halten ihres Blickes:
Die Stille verharrt.
Mutter
In ihren Augen mischt sich Liebe
und Wissen, unaufdringlich, sanft
die Wahl der Worte: trug sie doch,
als junge Frau, den Mann, der schroff oft,
Strandgut des Lebens, manchmal hart,
der Liebe ausweicht, die sie schenkt.
Doch sie verharrt anbietend, gütig
und lauscht in ihrem Innern, warm noch,
der ersten Regung seines Seins,
das eins war, tief, mit ihrem Leib:
er ist ein Teil von ihr, und besser
kennt sie ihn, wartet lächelnd, bis er,
vermeintlich, selbst den Weg nimmt, der ihm
in ihr von jeher vorgezeichnet war.
In: Niemandsland - ZEITschrift 109 (2001), S. 59, S. 62.
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