Leseprobe 3Friederike Schmöe: "Fratzenmond"
Der Regen fegte in spitzen, eiskalten Stacheln vom Himmel. Katinka lehnte sich mit aller Kraft dagegen. In pitschnassen Jeans erreichte sie die Hasengasse. Sie fror. Während sie den Schlüssel aus dem Versteck zog, flüsterte ihr der Wasserkocher verführerische Geschichten von heißem Tee zu, aber sie wollte so schnell wie möglich in Idas Villa, bevor die Verwandten sich vom Mittagstisch erhoben und auf die gleiche Idee kamen. Mit Todesverachtung trat sie wieder hinaus in den Regen und stieg aufs Rad. Nun war auch der Sattel nass, und ihr Hintern ebenso. Die letzten Meter in der Hainstraße schob sie ihr Fahrrad. Das Gartentor war nur angelehnt. Katinka zog die Kapuze vom Kopf und drückte auf die Klingel. Niemand antwortete. "Hallo? Ist jemand zu Hause?" Sie ging langsam um das Haus herum. Die Erinnerung an jenen Abend vor einer knappen Woche machte sie ganz fickrig. Ihre Turnschuhe quatschten im nassen Gras. Die zersplitterte Terrassentür war mit Holzlatten vernagelt worden. Katinka fragte sich, wer das Haus erben würde. Sie zog Latexhandschuhe über. Nachdenklich sah sie zu den Nachbarhäusern hinüber, bevor sie zurückging und ihren Schlüssel ins Schloss steckte. Es klebte noch ein Rest vom Polizeisiegel daran. Die Tür ging sofort auf. Katinka zog die Regenjacke und die nassen Turnschuhe aus, rollte alles zu einem dicken Bündel und versteckte es unter der Plastikplane, die einen Steinkübel bedeckte. Ein zartes Stämmchen ohne Blätter wuchs darunter heran. Ein Gingko, dachte Katinka. Vermute ich jedenfalls. Sie zog die Plane zurecht und schlüpfte ins Haus. Die Heizung war ausgeschaltet worden. Hier drinnen kam es Katinka kälter vor als draußen. Sie konnte ihren Atem sehen. Fröstelnd lief sie auf Socken durch das Erdgeschoss. Im Wohnzimmer blieb sie stehen und schloss die Augen. Vergeblich bemühte sie sich, ihre eiskalten Finger warmzukneten. Als ob sich meine Gedanken in den Fingern regen, dachte Katinka. So zittrig sind die. Sie ging zur Küche. Die Blutlache war aufgewischt worden. Das Teegeschirr von neulich stand noch da. Und die Thermoskanne, die Ida Katinka mitgegeben hatte. Katinka wusste nicht einmal mehr, ob sie die selber wieder mit hereingebracht oder wo sie sie gelassen hatte. Die Treppenstufen knarrten ein heiseres Willkommen, als Katinka in den ersten Stock stieg. Sie betrat das Zimmer mit Idas vielen ausgeflippten Erinnerungen. Alles sah aus, als habe sich seit langem kein Mensch mehr hier aufgehalten. Der Zugang zu den Erinnerungen einer alten Schachtel, tönte Idas Stimme in Katinkas Ohren. Sie trat zielsicher auf den Schreibtisch zu. Das rechte Seitenteil war nicht einmal abgeschlossen. Katinka starrte in die dunklen Fächer. Außer einem Päckchen angebrochenem Briefpapier, einem Locher und einem Tacker waren sie leer. Enttäuscht fuhr Katinka mit den Finger ganz in die Tiefe. Nichts. Das gibt’s nicht, dachte Katinka. Ida hat von Moleskine-Notizbüchern gesprochen und dabei auf den Schreibtisch gezeigt. Sie ging zu dem anderen Seitenteil hinüber. Auch diese Tür war nicht verschlossen. Hier lagen ein paar Bleistifte, ein Kästchen mit eingetrockneten Aquarellfarben, zerrupfte Pinsel. Sonst nichts. Sapperlott, dachte Katinka. Was übersehe ich? Und wofür ist eigentlich dieser Schlüssel gut? Ihre Finger begannen in den Handschuhen zu jucken. Latexallergie, dachte sie, während sie vorsichtig den Schlüssel in das Schloss zum linken Seitenteil steckte. Das Schloss war viel zu groß für den filigranen Schlüssel. Das Gleiche auf der rechten Seite. Sie legte sich auf den Rücken, schob den Kopf in das unterste Fach. Rüttelte an dem Brett. Am nächsthöheren. Irgendwo in der Tiefe des Schreibtischbauches hatten die Bretter Spiel. Katinka wälzte sich herum und kroch so weit sie konnte in den Schreibtisch hinein. Packte zwei Fächerböden gleichzeitig und zog. Rüttelte. Die Bretter gaben nach und rutschten heraus. Wow, eine Fächereinlage, dachte Katinka. Sie wuchtete sie heraus und starrte in das nun leere Seitenteil. Von wegen leer. Ächzend schob Katinka den rechten Arm in die Unendlichkeit des Schreibtisches. Sie hatte ein winziges, dunkles Loch erspäht, ein Schloss. Der goldene Schlüssel passte. Sie drehte ihn, und ein Holzteil, vermeintlich die Rückwand des Schreibtisches, sprang auf. Eine Geheimtür, dachte Katinka begeistert. Welcher Spezialist hat wohl diesen Schreibtisch geschreinert! Sie fummelte ihre Taschenlampe aus dem Rucksack. Mindestens fünfzig schmale Moleskine-Notizbücher waren in dem engen Fach aufeinandergestapelt. Die Buchrücken, mit steilen Buchstaben beschriftet, gaben Auskunft über die Zeitabschnitte, in denen Ida ihre Gedanken und Erlebnisse zu Papier gebracht hatte. Wenn Katinka richtig sah, begann die Chronologie 1945. Katinka pfiff leise durch die Zähne. Sie wollte gerade eine der Kladden herausziehen, als sie die Eingangstür klicken hörte. Erstarrt lauschte sie nach unten. "Die Polizei hat das Haus freigegeben", sagte eine junge Stimme. "Keine Sorge." Katinka klappte die Geheimtür zu, schob so schnell sie konnte die Fächereinlage zurück an Ort und Stelle, legte sämtliche Utensilien hinein und schob die Seitentür zu. Ihr Herz galoppierte. "Ich habe keine Sorge, aber es gibt ein paar Sachen, die ich geklärt haben möchte, bevor Ihr werter Herr Vater hier aufkreuzt", sagte eine andere Stimme. Katinka war sich nicht sicher, ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte. Die Treppenstufen knärzten. Panisch sah Katinka sich um. Sie kroch unter das Sofa neben dem Fenster und zupfte an der Überdecke. Wenn die Besucher nicht gerade Staub wischen wollten, würde sie unbemerkt bleiben. Voller Angst legte sie ihren Kopf auf ihren Rucksack. In letzter Sekunde stellte sie das Handy ab. "Mein Vater wird Idas Erbe hochhalten", sagte die junge Stimme. Katinka sah ein paar schicke, schwarze Schuhe ins Zimmer kommen. Ihr Puls drückte aufs Tempo. "Das können Sie sonst wem erzählen", sagte die andere Stimme. "Warum sind Sie so misstrauisch, Frau Unruh?", kam es von der jungen Frau. Aha, dachte Katinka. Das Unikum. "Kommen Sie schon, Grit. Sie mögen die Wirklichkeit immer in den Farben aus dem Malkasten Ihres Vaters sehen, aber dadurch wird sie nicht anders." Eingeschnapptes Schweigen. "Schmollen Sie nicht. Wo sind die Tagebücher?" Katinka hielt den Atem an. All ihre Muskeln verkrampften sich. Hüten Sie sich vor Ihren Verwandten. Das sind die Leute, die Ihnen in Ihrem Leben am meisten Schwierigkeiten machen, schallte Idas Stimme durch ihren Kopf. "Irgendwo hier im Zimmer." Bravo, dachte Katinka. Am Ende finden sie das Fach nicht und suchen unter dem Sofa. Ich Rindvieh. Und wenn sie es finden, kann ich die Tagebücher abschreiben. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie presste das Gesicht auf den feuchten Rucksack. "Also im Schreibtisch. Ida war chaotisch, aber sie hatte Prinzipien." "Weiß ich nicht", antwortete Grit schnippisch. Katinka hörte, wie die Schreibtischtüren auf- und zugemacht wurden und die große Schublade in der Mitte herausgezogen wurde. "Unbedeutendes Zeug", sagte Sieglinde Unruh. Katinka hörte, wie Stifte auf den Boden fielen. Papier raschelte. "Ihr Schreibtisch ist ja leer wie eine Wüste!" Ja, bis auf Locher und Tacker, dachte Katinka. Ein Feuerzeug klickte.
"Muss das sein?" "Nur die Ruhe, ja", sagte Sieglinde Unruh scharf. "Ich bin hier so gut wie zu Hause. Und geraucht habe ich immer, das hat Ida nicht so eng gesehen. Bis zu ihrem 65. Geburtstag hat sie selbst gequalmt wie ein Großfeuer. Aber da waren Sie ja noch grasgrün hinter Ihren hübschen Öhrchen." Grit antwortete nicht. Feiner Zigarettengeruch zog durch das Zimmer.
Friederike Schmöe: Fratzenmond. Katinka Palfys dritter Fall. Meßkirch: © Gmeiner Verlag 2006, S. 63-67.
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