Leseprobe 4Ines Beatrix Brückle: "Theodora, eine Klasse für sich"Der erste Tag im neuen Schuljahr
Rothaarig, Zahnspange, Kassengestellbrille, dieses Biest; auseinandergesetzt hat er uns, der Deutschpauker, mich und meinen besten Freund! Fast wie Hilferufe drangen Martins Wortfetzen an die Ohren seiner Mutter Beate Kannenberg. Vor Aufregung kam er gar nicht zum zusammenhängenden Erzählen. „Na, das kann ja ein heiteres Schuljahr werden,“ dachte Frau Kannenberg, „wenn der Junge schon am ersten Schultag mit einer solchen Wut im Bauch nach Hause kommt.“
Nach einem appetitlosen Mittagessen packte Martin dann etwas ruhiger aus: „Der Deutschlehrer, Herr Dr. Römer, den wir letztes Jahr in Latein hatten, hat gesagt, er wolle sich nicht noch ein Jahr zumuten Andreas und mich ständig ermahnen zu müssen. Da hat es auch schon geklopft und der zweite Direktor, Herr Schindler, ist mit der Neuen reingekommen. Er hat irgendwas von Integration und Kameradschaft gefaselt und dass wir ihr den Einstieg leicht machen sollten und sie bei uns mit offenen Armen aufnehmen. Aber brrr, wie die aussieht und dann heißt sie noch zu allem Überfluss Theodora. Englisch, Spanisch und Italienisch spricht sie fast fließend und in Französisch hat sie jedenfalls mehr Ahnung als wir alle zusammen. Die Angeberin!“ Wilde Beschimpfungen für Theodora, Dr. Römer und Herrn Schindler folgten. Beate ließ ihren jüngsten Sohn erst mal gewähren, anscheinend musste er sich unbedingt Luft machen.
Sie selbst wusste am Besten, dass Martin und sein Freund Andreas ein unzertrennliches Gespann waren, aber auch gewaltige Lausebengel, die sich in der Schule auf alles konzentrierten, aber nicht auf den Unterricht. Ihr erschien es sogar ganz wünschenswert, wenn die mal neben jemand saßen, mit dem sie nicht die halbe Stunde quasseln mussten. Aber das durfte sie natürlich nicht zugeben, sonst wäre der junge Vulkan endgültig explodiert. Zumindest das neue Mädchen meinte sie aber etwas in Schutz nehmen zu müssen: “Vielleicht täuschst du dich in Theodora“ , weiter kam Martins Mutter nicht, als er schon seinen Lieblingsnachtisch von sich schob, verächtlich schnaubte, „Du mit deiner Positivlerei!“, geräuschvoll aufstand, fast den Stuhl umwarf, zur Tür hinaus und die Treppe hinauf polterte. Wummmm, klick die Tür war zu und Martin bis auf weiteres nicht ansprechbar. Gegen 16 Uhr allerdings besserte sich seine Stimmung schlagartig als Andreas anrief. Der hatte von seinem Opa zwei Freikarten für den Zirkus geschenkt bekommen. Eine halbe Stunde später holte er seinen besten Kumpel ab. Wenn auch die Schulstunden verkorkst schienen, die Freizeit wollten sie noch intensiver als bisher zusammen nutzen. „Große Abschiedsvorstellung der Fliegenden Rassinis“ leuchtete es in bunten einladenden Buchstaben vom Eingang des Zirkuszeltes. Drinnen wären die Jungen allerdings am liebsten umgekehrt. Keine andere kam als Platzanweiserin auf sie zu als Theodora. Sie war kaum wiederzuerkennen. Ihre langen rotbraunen Haare waren mit Goldfäden durchflochten. Ein schwarzer Turnanzug mit goldfarbenem Tüllrock ließ ihre zierliche Gestalt und ihre braune Haut so richtig zur Geltung kommen. Den Bruchteil einer Sekunde flackerte Überraschung in ihren tiefbraunen Augen, dann hatte sie die Situation schon souverän im Griff: „Das finde ich super, dass gleich zwei klassenkameraden zu unserer Abschiedsvorstellung kommen. Na, zeigt mal euere Karten – oooch so weit hinten will ich euch aber nicht platzieren. Für so nette Burschen find ich sicher noch einen Logenplatz.“ Dann lief sie voraus und die Jungen trotteten ihr beschämt und wie in Trance hinterdrein. In der vordersten Reihe angekommen, brach Martin das Schweigen: „Machst du etwa auch beim Programm mit, siehst du deswegen so“ – atemberaubend, dachte er, konnte sich aber gerade noch bremsen – „aanders aus,“ stotterte er stattdessen.
Theodora lachte: „Falls du auf die Scheußlichkeit von Sehhilfe und die Zwangsjacke für meine Reißzähne anspielst, allerdings. Schauderhaft, nicht wahr? Aber mir ist ausgerechnet heute morgen vor der Schule ne Kontaktlinse runtergefallen und ich konnte sie absolut nicht finden, deswegen kam ich auch etwas zu spät. Ich hätt ja gerne länger gesucht, aber mein Vater hat ein Machtwortgesprochen und mich mit der ollen Brille, mit der ich aussehe wie Tante Agathe losgeschickt. Meine Mama hat die Linse natürlich kurz darauf gefunden, sie ist der reinste Sherlock Holmes im aufspüren verlorengegangener Gegenstände. Und die Zahnspange brauch ich glücklicherweise nicht den ganzen Tag zu tragen. Sonst noch Fragen, aber dann bitte nach der Vorstellung, sonst krieg ich Ärger, bin eh schon knapp dran.“ Weg war sie.
Eine halbe Stunde später sahen Martin und Andreas ihre neue Mitschülerin wieder. Mitten im Rampenlicht wirbelte sie zusammen mit einer weiteren Artistin, die aussah wie ihre ältere Schwester auf einem Trampolin durch die Luft. Ab und an ließen sich die beiden auch von einem Mann fangen, der hoch unter der Zirkuskuppel an einem Trapez hing und atemberaubend sicher , oft nur an einem Bein, Arm oder gar an den Fersen hängend, hin und her schwang. Dann erschien noch ein junger Typ mit Muskeln und einem Waschbrettbauch zum neidisch werden, dem die Familienähnlichkeit auf die Nasenspitze geschrieben schien. Der jonglierte gar mit brennenden Fackeln, während er allerlei Kunststücke auf dem Trampolin vollführte. Abschließend war noch mal Theodora an der Reihe. Sie schraubte und überschlug sich in verzwickten Salti, die aber bei ihr den Anschein der Leichtigkeit erweckten. Allen Gesetzen der Schwerkraft schien sie zu trotzen. „Mensch, die ist ja toll!“, flüsterte Andreas. „Eine Klasse für sich.“ bestätigte Martin, ohne die Augen von dem Mädchen im Zirkusrund lösen zu können. Der Applaus schwoll beim großen Finale zu einem Brausen an und auch Andreas und Martin konnten gar nicht mehr aufhören zu klatschen und mit den Füßen zu stampfen vor Begeisterung.
Theodora saß gerade vor dem großen Abschminkspiegel, als Martin und Andreas nach der Vorstellung an die Tür der Artistengarderobe klopften. „Das war einmalig“, platzten sie fast gleichzeitig heraus, „obercool und megageil!“ Leicht erschrocken, wichen sie zurück, als von der anderen Seite des Spiegel eine sonore Bassstimme drang, der auch gleich der Auftritt des Feuerjongleurs folgte: “Das sind doch nicht etwa die Typen von der Schule? Soll ich mir die mal vorknöpfen oder schaffst du das alleine?“ Mit einem Augenzwinkern legte er einen seiner Arme um Theodora, als ob er sie beschützen müsse. „Zerquetsch mich nicht mit deiner Bruderliebe, Adriano, sonst muss ich die beiden noch zu Hilfe rufen.“ schalt Theodora ihn mit einem spitzbübischen Grinsen und stupste ihm leicht gegen die nackte Brust. Theatralisch torkelte ihr Bruder zur Tür hinaus und warnte die beiden Freunde eindringlich vor der Schlagkraft seiner kleinen Schwester, was ihm eine gegen die sich schließende Tür geworfene Puderquaste und einen Schwall italienischen Schimpfwörter einbrachte. Martin und Andreas standen derweil wie angewurzelt da und brachten kein Wort heraus, bis sich schließlich ersterer räusperte und nur um irgendetwas zu sagen, fragte: “Du ziehst doch nicht etwa mit dem Zirkus weiter?“ Theodora schaute etwas traurig, als sie verneinte und erklärte dann: „Mama hat schon seit Monaten was mit den Bandscheiben, deswegen hat sie sich auch heute so zurückgehalten. Sie ist das eigentliche Zirkuskind. Mein Vater hat sich als junger Sportstudent in sie verliebt und ist dann beim Zirkus hängen geblieben. Mein Bruder und ich dürfen nur in den Sommermonaten mit dem Zirkus mitziehen, den Rest des Jahres gehen wir ins Internat, väterliche Anordnung. Wir sollen später mal selber entscheiden welches Leben wir führen wollen und dazu braucht es halt auch Schulbildung.“ seufzte Theodora. Dann erzählte sie weiter, dass ihr Vater das Rückenleiden der Mutter und das Schulkuddelmuddel zum Anlass genommen habe der Familie eine komplette Zirkuspause von mindestens zwei Jahren zu verordnen. „Wir ziehen in ein Reihenhäuschen im Birkenweg, Papa unterrichtet Sport an der Realschule, Mama kümmert sich um ihre Gesundheit, mein Bruder schaut dass er endlich das Fachabi schafft und ich geh euch ein bisserl auf die Nerven.“ beendete Theo die Aufzählung. „Super“, brüllten die Jungs und sahen sich gleich danach lachend an. „Ja, würdet ihr euch denn echt freuen, wenn ich bliebe. Das würde den Abschied vom Zirkus doch einiges erleichtern. Heute morgen war mir schon ganz schön mulmig. Aber Schwamm drüber und Hand drauf, wir sind Freunde!“ streckte Theodora ihnen ihre zierliche Hand hin und beide schlugen erleichtert und begeistert zugleich ein. „Mensch prima! Vielleicht können wir an der Schule nen Trampolinkurs aufziehen und du bringst es uns bei. Der Direx ist für „Mens sana in corpore sano“ (gesunder Geist in gesundem Körper) “ immer zu habe,“ jubelte Martin. „Na, da hätt ich nen Deal anzubieten. Ihr bingt mich im Gegenzug in Mathe und Physik auf den Klassenstand,“ schlug Theodora vor. Da schüttelten sich die Jungs nur und vereinbarten sich für Theo mal umzuhören, wer denn gut sei und auch gut erklären könne. „Die Natalie aus der Parallelklasse hat mir vergangenes Schuljahr schon ab und an was erklärt,“ schlug Andreas vor.
Ines Beatrix Brückle: Theodora, eine Klasse für sich. In: Der zweite Urlaubskoffer, hrsg. v. Raimund Pousset. Reinbek: © Rowohlt Taschenbuch Verlag 1986, S. 44-47.
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