Leseprobe 5Friederike Schmöe: "Maskenspiel"
Katinka hätte gern etwas Gemeines über die Rentenbezüge gesagt, über Rentner in Luxusreisebussen und Kaffeefahrten, aber sie hatte es eilig. An der Weide geriet sie auf der regennassen Straße so heftig ins Schleudern, dass sie beinahe über den Lenker abgestiegen wäre.
Dann sah sie es.
Polizeiwagen.
Es waren zwei, ein Notarztwagen war auch da, und ein Leichenwagen fuhr gerade vor.
"Ach du Schande", entfuhr es Katinka. Laubachs Stimme dröhnte wieder in ihren Ohren. Sie sauste auf das graue Gebäude mit der Nummer 18 zu und bremste scharf.
"Na, na!", sagte eine Stimme. Ein langer Lulatsch in grünen Polizeiklamotten trat aus der Tür, legte die Hand an die Mütze und sagte:
"Hier könn Sie jetz grad ned nei."
"Ich muss", sagte Katinka und verzichtete darauf, ihr Rad abzuschließen. Schließlich war die Polizei da. "Laubach, Professor Laubach, hat mich gerade angerufen. Ich ermittle in dem Fall."
"Ach. Dörf ich fragn, wer Sie sänn?"
Katinka stöhnte matt. Dass die grünen Männer aber auch immer dann, wenn es schnell gehen musste, ihre bürokratischen Mätzchen veranstalteten.
"Mein Name ist Katinka Palfy", sagte sie, während sie ihren Rucksack nach ihrem Ausweis durchwühlte. Der Lange nahm ihn entgegen und studierte ihn verblüfft. Katinka musterte das lockige, rote Haar, das unter seiner Mütze hervorquoll.
"Ach so? Kadinga Balfy, ja? Ich wussd gar ned, dass wir hier a Dedegdivin ham", sagte er im breitesten Bamberger Dialekt und grinste Katinka an.
"Jetzt wissen Sie’s", brummte Katinka, nahm ihm den Ausweis wieder aus der Hand und lief ins Haus, die Treppen hinauf in den ersten Stock.
Vor den Büros des Laubach-Lehrstuhls war die Hölle los. Laubach lehnte in der Tür zum Sekretariat und starrte auf den Boden. Aufgeregte Stimmen riefen sich Befehle zu. Frau Först, die Sekretärin, hockte leichenblass auf dem Gang auf einem jener Stühle, die sonst den wartenden Studenten zustanden. Sie hatte die Farbe eines Knollenblätterpilzes, die ihren Haarschopf noch röter leuchten ließ. Mit einem Taschentuch tupfte sie sich immer wieder die Augen ab, aber vergeblich: Die Schminke lief schon in Bächen über ihr Gesicht.
"Morgen. Was ist los?", fragte Katinka und trat näher.
"Hoppla!"
Aus dem Bibliothekszimmer schoss ein Polizist und packte Katinkas Arm. Sie riss sich ungeduldig los. "Bisschen vorsichtiger, ja?" Sie hielt ihm ihren Ausweis unter die Nase. Überrascht ließ der Polizist Katinka los.
"Frau Kommissar? Gucken Sie mal?"
Plötzlich redeten alle wild durcheinander. Laubach riss seinen Blick von dem, was er da fixierte, los, und rief ungeduldig: "Na endlich, wo bleiben Sie denn!"
Aus dem Assistentenzimmer trat eine Frau in Faltenrock und Mikrofaserjacke. "Morgen. Jetzt noch keine Besuchszeit, junge Frau."
"Die junge Frau ist die Detektivin, die ich angeheuert habe, Frau Kommissar", raunzte Laubach die Faltenrockträgerin an. "Und es wird wahrhaftig Zeit, dass sie sich hier blicken lässt."
Katinka sah verwirrt einigen Männern in weißen Overalls nach, die ihre überdimensionierten Koffer zur Treppe schleppten. Dann fiel ihr Blick ins Sekretariat. Ein Mann, kaum größer als sie, stand über Frau Försts Schreibtisch gebeugt und schrieb etwas. Er füllt einen Totenschein aus, dachte Katinka entsetzt. Ohne auf die wütenden Rufe der Kommissarin zu achten, machte sie ein paar Schritte auf das Sekretariat zu.
Die Leiche war schon zugedeckt. Eine großflächige Blutlache bedeckte den Boden.
"Das gibt’s nicht", flüsterte Katinka.
"Erklären Sie mir das, ja?", tobte Laubach. "Frau Först war heute Morgen als erste da. Sie kam schon um halb acht, oder, Frau Först?"
Die Sekretärin nickte, während sie unter Schluchzern das zerlaufene Make-up auf ihrem weißen Gesicht verrieb. Sie sah grotesk aus.
"Und sie fand die Leiche", brüllte Laubach weiter. "Was für ein Schock! Haben Sie meine Mitarbeiter so in Angst und Schrecken versetzt? Was haben Sie sich dabei gedacht?"
"Jetzt halten Sie mal die Luft an", schrie Katinka, um Laubachs Schimpfen, Frau Försts Schluchzen und das Gezeter der Kommissarin zu übertönen. Der Arzt, der immer noch am Schreibtisch im Sekretariat stand, drehte sich neugierig um. Sein Gesicht hatte griechische Proportionen, und zu allem Überfluss trug er einen ebenso griechisch aussehenden Bart.
"Ich habe niemanden in Angst und Schrecken versetzt, das wissen Sie besser als jeder andere. Es geht bei meinen Ermittlungen um Disketten und kaputte Dateien, aber nicht um Mord und Totschlag. Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis."
Zu Katinkas Erstaunen schwieg Laubach auf diesen Ausbruch hin, und auch die Kommissarin stellte ihr Gezanke für einen Moment ein.
Später dachte Katinka, wie eigentümlich es war, dass man in solchen Situationen auf das Wichtigste als letztes zu sprechen kam. Selbst ihr Denken rastete erst jetzt bei der Erkenntnis ein, dass jemand von Laubachs Leuten unter der Plane liegen musste. Sie hatte keine Ahnung, wer, und noch weniger, warum. Hatte sie so tief ins Wespennest gestochen, dass jemand gemordet hatte? Und wer? Der Diskettendieb? Das alles schien unendlich absurd. Die Stimmen der anderen wurden wieder lauter, aber Katinka nahm sie nur wie durch einen Filter wahr. Sie trat ein paar Schritte in das Sekretariat, von dessen Existenz sie vor 24 Stunden noch nichts geahnt hatte, und sagte leise: "Wer? Wer liegt da?"
Wieder wurde es still.
"Verdammt! Wer liegt da?", schrie Katinka. Als niemand reagierte, legte der Arzt seinen Kugelschreiber auf den Schreibtisch und bückte sich. Er lupfte das eine Ende der Plane und hob sie an. Katinka beugte sich vor. Langsam, wie in Zeitlupe zog der Arzt die Abdeckung höher und höher. In Katinkas Ohren rauschte es. Sie presste ihren Rucksack an sich und starrte zu Boden. Die stoppelkurzen Haare waren über und über mit schwarzem Blut verklebt.
Friederike Schmöe: Maskenspiel. Katinka Palfys erster Fall. Meßkirch: © Gmeiner Verlag 2005, S. 85-89.
 |  | |