Leseprobe 6Friederike Schmöe: "Tochter-Seelen"
Blaga spürte Kopfschmerzen und Schwindel. Ich bin 68 und fahre mit meinem ehemaligen Ziehkind, wenn man so will, durch die Nacht, auf der Suche nach einer entführten deutschen Frau, die mir vor einigen Stunden eine Akte gebracht hat - die Akte meiner Tochter Ewa. Ewa ist von Kolew umgebracht worden und Kolew hat... Sie durchschaute es. Mit einemmal. Das kann alles nicht wirklich sein, dachte Blaga. Ich in diesem Wagen... was ist das überhaupt für ein Auto? Ist das Traum? Wirklichkeit?
„Todor, kann ich dir vertrauen?“
Er bejahte es, und sie glaubte ihm. Von dem Augenblick, da er vor der Tür gestanden hatte. Derselbe unschuldige Ausdruck im Blick. Den Kopf leicht gesenkt, als fühle er sich immer kleiner als die anderen, dümmer, unbedeutender.
Todor blendete das Licht ab und ließ den Transporter langsam den Hügel hinaufkriechen, an dessen Ende er wendete.
„Wenn man hier nach rechts sieht, dann kann man das Haus gerade noch erkennen. Es ist das letzte in der Reihe.“
Blaga stieg aus und tappte zu der Abzweigung. Flach duckte sich der Bau an den Hügel. Das Gestrüpp auf beiden Seiten der schäbigen Straße lebte. Geraschel drang an ihre Ohren. Sie gruselte sich.
Sie setzte sich wieder auf den Beifahrersitz.
„Was machen wir hier?“
Todor zuckte die Schultern.
„Beobachten, was passiert.“
Blaga suchte in ihrer Tasche.
„Ich beobachte. Du kannst schlafen. Wir brauchen alle Kräfte, nicht wahr?“
„Vielleicht haben sie sie auch schon weggebracht“, mutmaßte Todor.
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Blaga.
Todor lehnte sich zurück und versuchte, einzuschlafen. Unruhig warf er den Kopf hin und her. Blaga betrachtete besorgt den riesigen violetten Fleck. Das sah nicht schön aus. Hoffentlich hatte Todor nicht sogar eine Gehirnerschütterung eingesteckt, und tat nun so, als sei alles in Ordnung.
Ein Motorengeräusch schreckte sie aus ihren Gedanken. Ein Wagen näherte sich, schlich leise heran. Eine Limousine strahlte Todors Transporter an und bog dann ab. Blaga saß versteinert da.
„Todor, ein Wagen.“
Er war sofort wach, sprang auf den Weg und huschte durch das Gebüsch am Straßenrand davon. Blaga spürte ihr Herz schlagen.
Wenn ich das hier überlebe, dachte sie, dann werde ich wohl an eine Kur denken müssen. Unbedingt. Wie war das? Ich will achtzig werden? Vielleicht muß ich das revidieren.
Wenig später rollte die Limousine wieder an ihnen vorbei, nahm den Weg zurück in die Stadt. Blaga sah eine zweite Person neben dem Fahrer sitzen.
Todor war nicht zurückgekommen. Gemeinsame Sache mit Kolew würde er doch nicht machen? Sie in eine Falle locken? Und wozu? Weil sie es jetzt wußte? Kolew hatte Todor mit Drohungen ausgeschickt, um sie, Blaga, unschädlich zu machen, nachdem sie die Akte bekommen hatte und nun einmal wußte, was Sache war.
Berow, der angehende Berater im Außenministerium.
Sie stieg aus dem Wagen, ihre Tasche an sich gepreßt.
„Todor?“, rief sie halblaut, „Todor?“
Sie tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit dieses Wäldchens.
Ich, Blaga, die Eselin. Gleich habe ich ein Messer im Rücken.
Er stand hinter ihr.
Blaga schrie auf und riß die Arme hoch. Verteidigen, solange es geht. Ihre Tasche fiel zu Boden.
„Tante Blaga!“, flüsterte Todor.
Blaga lehnte sich an einen Baumstamm.
„Sie trauen mir nicht, oder?“
Sie atmete vorsichtig ein und aus, um den Schmerz in ihrer Brust vergehen zu lassen.
Friederike Schmöe: Tochter-Seelen. Thriller. Toppenstedt: © Buchverlag Andrea Schmitz 2003, S. 99-100.
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