"Mein Hund, meine Sau, mein Leben"Arnold Stadler las im Rahmen der Bamberger Herbstlese im Clavius-Gymnasium Bamberg
von Iris Breker Es ist Sonntag, der immer wiederkehrende, im ländlichen Trott versinkende Tag, an dem die Bewohner eines kleinen Dorfes ihrem Alltag entweichen. So viel Freude und Entdeckungen, und am Montagmorgen ist dann wieder alles verschwunden und das Drama des Lebens beginnt von vorne. „Alles hat einen Sinn“, sagte sich auch der Ich-Erzähler immer wieder, wobei er damit eher auf die Frage der Schwackenreuter anspielte, ob er denn immer noch in die Hose mache, als auf sein dumpfes Leben in der Einsamkeit der Höfe und Ställe. Vielleicht sei das sein Opfer für die Sünde der Welt. Arnold Stadler, zur Zeit Stipendiat im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia , ließ die Zuhörer während seiner Lesung im Rahmen der Bamberger Herbstlese in der Aula des Clavius-Gymnasiums in die Welt seines Werkes „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ (1994) eintauchen.
Alles ist gleich in dem kleinen Dorf namens Schwackenreute: die Trauer, die Freude, die Einsamkeit und die Gewohnheit. Vermischt in einem Einheitsbrei des Lebens aus dem niemand so recht entkommen kann. Selbst die Sprache entwickelt sich an dieser Stelle der Welt nur langsam fort. Aber das ist noch nicht alles. Ein Mensch versucht dem Trott zu entkommen. Nachdem seine Lieblingssau Frederik dem Ich-Erzähler in Form von Mostsuppe vorgesetzt wird, war eins klar: „Damals musste ich den Verstand verloren haben, denn ich begann zu dichten.“ Der Ich-Erzähler wandert aus, beginnt eine Theologiestudium in Freiburg und will, in aller Bescheidenheit, Papst werden. Letztlich reicht es aber nur zum Beerdigungsredner.
Randfiguren der Gesellschaft sind das zentrale Thema im Werke Stadlers. Dass er bei der Entstehung seiner Texte jedoch weniger an die Leser denke, meint er überhaupt nicht egoistisch. Er bleibt lieber auf dem Fundament aller schriftlichen Zeugnisse – der Sprache. Erst wenn jeder Satz ihn sprachlich vollständig zufrieden stelle, sei er mit dem Werk auch als ganzes zufrieden. Die Ideen kommen dem 1954 geborenen Schriftsteller immer und überall. „Sie müssen sich nur mal einen Tag in einem Neubaugebiet aufhalten, dann haben sie schon ein halbes Buch“, erklärt er dem Publikum mit einem Lächeln auf den Lippen. Auf die Frage, wie oft er denn seine eigenen Texte bis zur vollkommenden Perfektion überarbeite, hat er schnell eine Antwort parat: „Zur Vorbereitung braucht es eigentlich eine ganzes Leben. Ich überarbeite meine Bücher jedoch ständig, weil immer noch etwas besser gesagt werden kann.“
Deutlich konnte Stadler die biographischen Elemente dieses Werkes eingrenzen. Auch er habe zwar recht früh den Wunsch geäußert, Papst zu werden, jedoch nicht wie der Ich-Erzähler, der sich bei der Äußerung dieses Wunsches im Alter von sieben Jahren gleichzeitig in die Hosen machte. Und nach dieser Lesung ahnt man, was die Erfahrungen des Ich-Erzählers so besonders machen: unwiederbringlich versäumt zu haben, was das Leben reich gemacht hätte.
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