| Assenmacher, Werner Werner Assenmacher verwendet für seine Arbeiten einfache Materialien
– Holzlatten, Kordel, Ritzmesser – und fügt sie zu Objekten
zusammen, die trotz ihrer klaren Struktur etwas Spielerisches haben.
Der Rhythmus der Linien, die teils parallel angeordnet sind, sich teils
nach einer Gesetzmäßigkeit verändern, zieht den Blick auf sich. Die
klaren Farben der Kordeln – er verwendet ausschließlich die Grundfarben
Rot, Blau und Gelb sowie Schwarz und Weiß – beginnen sich
zu mischen. Es entstehen Farbspiele, die an die Variationen des
Regenbogens erinnern. In manchen Arbeiten mutet es wie der einfache
Versuch an, durch die Lage Strich an Strich, neue Farbkombinationen
zu entdecken. Seine Arbeiten folgen einer strengen Systematik.
Er dekliniert die Möglichkeiten durch und erzeugt dabei eine Vielfalt
von Sichtweisen. Die Palette der Variationen und Kombinationen
scheint kein Ende zu nehmen und dennoch ist jede einzelne in sich
geschlossen, fertig.
Er versteht es, seiner Liebe zum Material freies Spiel zu geben und
es dabei konkret, geradezu handgreiflich zu belassen. Er holt die den
verwendeten Arbeitsmaterialien innewohnenden Regeln heraus, lässt
sie bildlich werden. Mit der Abstraktheit seiner Objekte geht er wie
ein Naturforscher dem konkreten Gegenstand auf den Grund.
In seinen zeichnerischen Arbeiten nimmt er diese Rhythmik auf, setzt
ganz auf den Kontrast. Farbe würde hier nur ablenken. Die Technik
des Ritzens weist auf Verletzlichkeit hin, zerstört aber nicht. Wie aus
Verborgenem holt er so Formen aus der Grundplatte heraus, die leicht
und wie fliegend in den Raum hinein weisen.
Werner Assenmacher ist ein beispielhafter Vertreter der konkreten
Kunst. Im verarbeiteten Material steckt das Künstlerische, ja es ist selbst Kunst.
Aus dem Leporello "Werner Assenmacher
strings ’n’ boxes, Ritzungen Variationen Objekte", Galerie auf Zeit, Erfurt (2008) pdf-Dokument siehe unten Sinnlichkeit und Intellekt miteinander zu versöhnen hat sich der Bamberger Künstler Werner Assenmacher zum Ziel gesetzt. Die aktuelle Ausstellung „strings ’n’ boxes“ in der Galerie Kunst im Gang zeigt, wie faszinierend die konsequente Reduktion auf die Grundelemente der Malerei sein kann. Indem Assenmacher sich auf Bildträger, Linie und Farbe beschränkt, lässt er aus deren Wechselspiel spannungsvolle Werke konkreter Kunst entstehen.
Aus Leisten vom Baumarkt zimmert Assenmacher Holzkästen, streicht sie schwarz an und bespannt sie mit Kunststoffkordeln. Die dreifache Bespannung der roten, blauen und gelben Kordeln schafft Tiefe und Farbschichten. Auch wenn Assenmacher in den jüngsten Arbeiten nur noch schwarze und weiße Kordeln verwendet, eröffnet sich aus deren unterschiedlicher Kombination eine Vielfalt an Möglichkeiten und Rhythmen. Ob der Betrachter „en passant“ (so der Titel des Kataloges) die Werke an sich vorbeiziehen lässt oder sie von einem Standpunkt aus beobachtet: Er gewinnt immer wieder neue Einblicke.
„Es entsteht eine neue Vielfalt, aber keine, die für alle Betrachter gleich ist“, sagte der Stuttgarter Historiker und Autor Axel Kuhn bei der Vernissage. Assenmachers Arbeiten verbinden „Handwerk und Kreativität, wissenschaftliche Analyse und künstlerische Intuition“. Auch die Hängung spielt eine entscheidende Rolle. Die Kästen können für sich allein oder als Teil eines Ganzen stehen. Ein schwarz-weißes Ensemble fügt sich aus 28 Teilen spiegelbildlich zusammen.
Neben den „strings ’n’ boxes“ wird im unteren Gang ein Zyklus von „Ritzungen“ gezeigt, die Assenmacher mit einem alten Handbohrer in schwarz lackierte Spanholzplatten eingearbeitet hat. Für den Autodidakten, der in der Galerie ein Heimspiel hat, beruht das Universum auf Gesetzmäßigkeiten, die, obwohl schlicht strukturiert, eine unendliche Vielfalt hervorrufen können.
Kuhn, der anderntags aus seinem Hölderlin-Krimi „Emerichs Nachlass“ las, mutmaßte, Assenmacher sei früher ein asiatischer Mönch gewesen. In verschlüsselter Form ruft seine konkrete Kunst den Betrachter auf, den Augenblick zu akzeptieren, wie er ist: Reduktion auf die Gegenwart, Leere statt Lehre, Variationen statt Fortschritt, Vielfalt statt Einfalt.
Jürgen Grässer zur Ausstellung "strings ´n´ boxes" von Werner Assenmacher, in: Fränkischer Tag, Dienstag, 17.07.2007.
Der 1947 in Bad Hersfeld geborene Werner Assenmacher macht über die Landesgrenzen hinaus von sich reden. Seine Arbeiten hingen 2004/2005 ein Jahr lang im Museum Modern Art in Hünfeld, in einer Gruppenausstellung, die die europaweit 32 interessantesten Produzenten Konkreter Kunst versammelte. Er ist mit seinen Arbeiten dabei, als im Dezember 2005 im Austria Center Wien die Dauerausstellung „Motiva“ eröffnet wird. Und er wird in diesem Jahr 2007 auch in Madrid bei der großen Präsentation „Europa konkret“ vertreten sein.
Was ist nun das Besondere an den Arbeiten Werner Assenmachers, dasjenige, das ihn auch international interessant macht?
Seitdem er sich der bildenden Kunst zugewandt hat, betreibt Assenmacher Grundlagenforschung. Da ist nichts Erzählendes in seinem Werk zu finden; es reflektiert vielmehr die Grundlagen der Kunst überhaupt. Immer wieder geht es um Streifen, also um die Linie; und immer wieder tastet er sich an die Grundfarben blau, gelb, rot heran - behutsam, so als hätte er Schwierigkeiten mit ihnen, als würde er lieber bei schwarz und weiß stehen bleiben.
Werner Assenmacher experimentiert mit den Grundelementen jeder Malerei: mit Farbe, Linie und Bildträger. Er isoliert diese drei Grundelemente, indem er Farbe und Linie vom Bildträger entfernt. Der Blick soll wieder frei werden für jedes einzelne Element. Und dann setzt der Künstler die Grundelemente neu zusammen.
Seine Schwarz-Weiß-Arbeiten stellen die Strukturen, die bei den Farbarbeiten auch vorhanden sind, noch einmal isolierter, noch intensiver dar, sozusagen unabgelenkt von der Farbe.
Insofern ist seine Arbeitsweise typisch für das, was man Konkrete Kunst nennt. Konkrete Kunst ist, wie Burghart Schmidt, Professor für Sprache und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei einer anderen Vernissage ausgeführt hat, eine Weiterentwicklung der Abstrakten Kunst.
Das schwingt schon in den lateinischen Wortbedeutungen mit: Abstrahere heißt abziehen, heißt von der Wirklichkeit das Überflüssige weglassen, um zu einfachen, grundlegenden Strukturen zu gelangen. Aber jede Abstraktion behält noch einen Rest von Abbildlichkeit bei. Die kegelförmige Krone eines Nadelbaums wird zu einem spitzen Dreieck. Oder, um an das von Werner Schmal gestaltete Logo des Galerievereins zu erinnern, aus dem Fachwerk der Zwerchscheuer wird in zwei Abstraktionsstufen ein Liniengeflecht, das aber Haus, Tür, Fenster, Engelbergturm eben nicht vergessen macht.
Konkret kommt von concrescere, und das heißt zusammenwachsen. Das bedeutet für Assenmacher rücksichtsloses auseinander Nehmen bis auf die Grundelemente, das heißt jede Abbildlichkeit hinter sich zu lassen, das heißt dann aber vor allem das einzelne wieder neu zusammenwachsen zu lassen.
So zerlegt er z.B. das dreiteilige Altarbild der christlichen Sakralkunst und setzt es zu einem neuen Tryptichon zusammen. Vielleicht erinnern Sie sich auch an die Schichtenmalerei der Alten Meister, wenn Sie sehen, wie sich bei Assenmacher Kordel über Kordel lagert. Oder man denkt an die sonnenflimmernden Bilder des Impressionismus, wenn man die optischen Farbmischungen in den schwarzen Kästen auf sich wirken läßt.
Aber typisch für Assenmacher ist es, daß seine Zusammensetzungen immer rein formal bleiben. So nennt er seine Werkserien schlichtweg „en passant“ oder „variationes“ oder „strings ‚n‘ boxes“.
„Verknüpfungen“ würde ich liebend gern sagen, aber das ginge ihm wohl schon zu weit. Ebenso konsequent weigert sich Werner Assenmacher, seinen Arbeiten Titel zu geben, denn diese könnten beim Betrachter die Richtung der Assoziationen vorgeben.
Wie Werner Assenmacher seine Werke herstellt, das läßt sich relativ einfach erklären. Werke der konkreten Kunst sind eine Mischung aus Handwerk und Kreativität. Sie stehen zwischen wissenschaftlicher Analyse und künstlerischer Intuition. Am Anfang steht eine Idee, die ausgeführt werden will. Dann gibt es eine Phase mechanischer Tätigkeit, aber man unterschätze nicht, wieviel Kreativität, wieviel Entscheidungsfreiheit sich auch in dieser Phase verbirgt.
Werner Assenmacher zimmert aus Latten vom Baumarkt einen Kasten und streicht ihn schwarz an. Entscheidung eins: das Grundformat 1,5 zu 1,0; die Freiheit: dieses Verhältnis zu variieren, aber nicht grundsätzlich aufzugeben.
Entscheidung zwei: Das Handwerkliche soll sichtbar bleiben; industrielle Perfektion wird nicht angestrebt.
Assenmacher bohrt dann nach einer Schablone drei Reihen Löcher in die Latten, die die black box oben und unten begrenzen. Entscheidung drei: Die Löcher sind leicht schräg versetzt. Entscheidung vier: In jeder Reihe wird der Abstand zwischen den Löchern größer. Die ersten zwei links oben haben einen Zentimeter Abstand voneinander, die letzten beiden zwei Zentimeter. Dazwischen gibt es gleitende Übergänge.
Assenmacher kauft große Rollen blauer, gelber und roter Kunststoffkordeln. Entscheidung fünf: Die Kordeln sind in sich aus mehreren Einzelsträngen zusammengesetzt; sie sind bereits selbst strukturiert. Die Kombination von Kunststoff und Kordelprinzip gibt eine glänzende Wirkung. Das sieht man am besten bei den beiden Duo genannten, strengen Schwarz-Weiß-Arbeiten im Erdgeschoß.
Der Künstler fädelt dann, von rechts unten nach links oben arbeitend, jeweils eine ganze Kordel durch die Löcher. Er verknüpft sie nur am Anfang und am Ende.
In diesem System gibt es, das läßt sich mathematisch ausrechnen, 27 Variationen. Wenn er eine Farbe, zwei Farben und drei Farben nimmt. Arbeitet er nur mit weiß und schwarz, so gibt es 28 Variationen, 14 mit weißem und 14 mit schwarzem Untergrund.
Entscheidung sechs ist die wichtigste von allen: die Hängung. Die 27 Farb-Variationen werden hier in Leonberg zu einem Fries, die 28 Schwarz-Weiß-Variationen zu einem Ensemble über Eck. Der Künstler kann sich jedesmal anders entscheiden.
Aber es ist nicht der Künstler Assenmacher allein, der das zuvor gedanklich Zerlegte wieder neu zusammensetzt. Ja, er ist es noch nicht einmal in erster Linie. Denn was passiert, wenn man als Betrachter an den Objekten vorbeigeht? Der Künstler hat es nicht im Voraus gewußt. Seine Kunst sucht etwas, das es noch nicht gibt.
Was passiert, wenn die Sonne scheint oder nicht, wenn ein künstlicher Lichtträger das Objekt beleuchtet?
Eins ist klar: Alles passiert nur im Kopf des Betrachters. Es entsteht eine neue Vielfalt, aber keine, die für alle Betrachter gleich ist. Das ist natürlich keine rein ästhetische Spielerei, ist ist ein politisch-philosophisches Programm.
Ja, das erinnert mich an die Grundaussage des Philosophen Immanuel Kant: daß nämlich das Ding an sich nicht zu erkennen ist. Und es erinnert mich an ein physikalisches Grundlagen-Experiment: Ist das Licht Welle oder Teilchen? Das Ergebnis hängt von der Anordnung ab.
Freilich wäre es zu einfach, in diesem Zusammenhang vom Verlust der Objektivität zu sprechen. Das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich hier um vollkommen ideologiefreie Kunst, um eine, die sich von keinem System vereinnahmen läßt. Deshalb hat die Konkrete Kunst europaweit heute noch einen Schwerpunkt in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Dort nämlich entstand sie vor 1990 als Opposition gegen den staatlich verordneten sozialistischen Realismus.
Und eine hartnäckige, anarchische Opposition gegen alle Glaubens- und Wissenswahrheiten, gegen alle Verkündigungen - das zeichnet auch Werner Assenmacher aus. Sein Werk ist ein ständiger Appell an die Betrachter:
Ihr erschafft das Kunstwerk, nicht ich. Es ist euer Werk.
Also wie sieht mein Werk aus? Bei der Generalprobe entdeckte ich zuerst die Farbe violett. War sie durch die Verbindung von Rot und Blau entstanden, weil das Blau vor dem schwarzen Hintergrund so unterging? Dann sah ich ein kleines Orange, und es wurde mir warm ums Herz. Ein giftiges Grün konnte ich nicht finden. Wahrscheinlich wollte ich es nicht wahrnehmen.
Eine Kunst, die im Kopf begann, landet im Herzen. Eine Kunst, die von allem Nebensächlichen absieht, erschafft eine neue Vielfalt. Aber das wichtige ist: Sie schafft die Vielfalt im Kopf des Betrachters. Und bei jedem Betrachter eine andere Vielfalt.
Besonders spannend wird es dann, wenn zwei Betrachter neben einander stehen und während der Unterhaltung über das Werk bemerken, daß jeder, weil er den Kasten aus einem unterschiedlichen Blickwinkel sieht, die darin gebundenen Strukturen und ihre optische Wirkung anders wahrnehmen.
„Glaubst du, daß die Welt auch so konstruiert ist“, fragte ich Werner Assenmacher.
„Ich habe das Gegenteil bisher noch nicht zur Kenntnis genommen“, war seine charakteristische Antwort. Dann gab er doch noch ein positives Statement ab.
„Ja, ich gehe davon aus, daß unser Universum auf klaren Gesetzmäßigkeiten beruht. Auf Gesetzmäßigkeiten, die vielleicht sogar ganz schlicht strukturiert sind und dennoch eine unendliche Vielfalt hervorrufen können.“
Assenmacher schlägt uns vor, durchaus in bewußtem Hinweis auf asiatische Meditationslehren, sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren.
Sich selbst dabei auseinanderzunehmen, zu betrachten und dann wieder neu zusammen zu setzen.
Den Augenblick zu akzeptieren, wie er ist; ihn nicht zu bewerten.
Den Wandel zu erkennen, aber ihn nicht beeinflussen wollen.
Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft leben.
Reduktion auf die Gegenwart. Kontemplation statt Wissen.
Innere Gelassenheit statt Lebensplanung. Variationen statt Fortschritt.
Vielfalt statt Einheit.
Vortrag von Prof. Dr. Axel Kuhn zur Werner-Assenmacher-Aus- stellung im Leonberger Galerieverein,
14. Januar 2007
"Werner Assenmacher begab sich erst spät auf das weite Feld der Bildenden Kunst. Als Quereinsteiger nahm sie ihn ab 1990 voll in Besitz. Das heißt nicht, dass ihn die Tendenzen der zeitgenössischen Kunst und bildkünstlerische Problemstellungen während seiner Tätigkeit bis 1986 als Pädagoge nicht interessiert hätten. Aber jetzt, als freischaffender Künstler, fand Assenmacher die Zeit, die notwendig ist, sich ernsthaft mit praktisch experimentellen bildnerischen Fragen - denn um bildkünstlerische Grundlagenforschung geht es ihm – in Serien auseinander zusetzen.
Waren es in der ersten Hälfte der 1990er Jahre vor allem Objekte, Material-Bilder, Installationen, die er aus Fundstücken und Abfallprodukten unserer Zivilisationswelt ohne wesentliche kompositorische Eingriffe auswählte, so veränderte sich sein kreatives Vorgehen seit seiner Ausstellung 'Saitensprünge' des Jahres 1998 beträchtlich.
Bis dahin waren Assenmachers schöpferische Handlungen bestimmt vom Beobachten, Finden, Aussuchen des sein Interesse weckenden Materials und dessen behutsames Herausnehmen aus seinem bisherigen funktionalen Zusammenhang, um das Gefundene in einen neuen ästhetischen Zustand zu transferieren, gebunden an einen anderen, nicht utilitären Kontext.
Fotografische Dokumentationen, die Spurensicherung des Ausgewählten, verbunden mit einer vielfältigen, beinahe akribischen Archivierung in Kästen, Regalen, auf Tischen u.a. prägen zu dieser Zeit Assenmachers konzeptuelles Vorgehen. Dabei gilt hier sein Interesse vor allem der Erhaltung der Objektivität des ästhetisch wirkenden, herausgelösten Fundstückes in Form von Collagen, Assemblagen und Installationen. Der subjektiv methodische Eingriff ist zugunsten des natürlich prozessualen, dem Zufall offenen Gewährenlassen eingegrenzt, um die Sensibilität des Wahrnehmenden auf objektive Veränderungsprozesse unserer Realität in Zeit und Raum zu aktivieren, aber auch Reflexion und Denken anzuregen.
Ganz anders Assenmachers Vorgehen seit den Ausstellungen 'Saitensprünge' (1998), 'variationes' (2000), 'en passant' (2004) oder bei seinem Beitrag innerhalb der Ausstellung '32 Positionen 32 Räume' des Museum Modern Art Hünfeld.
Zunehmend wird jetzt der Aufbau seiner Objekte und Installationen von einer logisch-rationalen Betrachtungsweise gesteuert. Die eingesetzten kalkulierten Methoden bleiben transparent. Dennoch haben die Serien der 'variationes', die in mancherlei Hinsicht an Werke der Op-Art erinnern, den Anschein als begäbe sich Assenmacher mit seinen selbst gebauten schwarzen Holzkästen – den Black Boxes - und den darin in drei Lagen übereinander geschichteten farbigen
linearen, straff gezogenen Kunststoffkordeln auf ein äußerlich gefährdetes und ästhetisch bekanntes Terrain. Bedeutende Namen der Optical-Art treten in unser Bewusstsein. Davon soll noch die Rede sein.
Bei den variablen, auf einem bestimmten Modul beruhenden und die handwerkliche Akkuratesse nicht verleugnenden Kisten, befinden sich auf dem jeweils oberen und unteren Rand drei Reihen übereinander liegender Löcher, die leicht schräg versetzt sind und deren Abstand untereinander von einer Seite zur anderen zunehmend größer wird. Auf dem jeweils gegenüberliegenden Kistenrand vollzieht sich dasselbe in gegenläufiger bzw. umgekehrter Weise. Durch diese Löcher fädelt der Künstler beginnend am rechten unteren Rand nach links oben arbeitend, dreidimensional angeordnete, einander leicht versetzte Farbkordeln und verknotet sie, oben und unten sichtbar am Rand der Black Box bleibend, nicht ohne dekorativ sinnlichen Reiz. Das ist das Faktische. Die Wirkung ist mehrdimensional. Vieles und auch Bekanntes trifft zusammen.
Durch die leichten Strukturverschiebungen der in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau reliefartig übereinander geschichteten, geraden Lineaturen ergeben sich vielfältige kräftige wie zarte Mischungen der Farben. Sie reichen vom intensiven Rot über Orange, gleiten in die unterschiedlichsten Grüns bis hin zum tiefen Blauviolettt und Karmin. Die Wirkung ist abhängig von einer Vielzahl Axiome wie z.B., liegt das Blau, wie ebenso die anderen beiden Farben, bei der Schichtung der linearen Kordeln oben, in der Mitte oder unmittelbar vor dem schwarzen Bildhintergrund. Kommt das Licht von oben, seitlich oder von unten, fällt Licht und Schatten in die als Bildträger fungierenden Kästen, welche Stellung nimmt der Betrachter selbst zum Objekt- oder Reliefbild ein, bewegt er sich, sind weitere Black Boxen ähnlich einem Fries oder polyphonem Ensemble zugeordnet u. v. m.
Doch Werner Assenmacher meint es ernst. Er weiß um die Traditionen, auf die er sich mit diesen ihn seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre interessierenden Fragen einlässt. Schon die russischen Konstruktivisten wie die Gebrüder Naum Gabo und Antoine Pevsner oder der unermüdliche Experimentator – der Ungar László Moholy-Nagy bestellten mit ihren Licht-Raum-Untersuchungen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Feld für die spätere optische und mechanisch-kinetische Kunst – für den Vater der Op-Art, Victor Vasarely und die nachfolgenden großen optischen Verführer, für Jesus Rafael Soto, Carlos Cruz Diez, Bridget Riley u. v. a. bzw. für Jean Tinguely, Alexander Calder, was die kinetische Kunst betrifft.
Aber auch die Verbindung von optischer und klanglicher Bewegung, wie man sie bereits im 'Farbenklavier' des großen tschechischen Kinetikers Zdenek Pesánek (1896-1965) kennt, mögen Werner Assenmacher angeregt haben. Seine Ausstellung 'Saitensprünge' – Farbklänge mit fließenden chromatischen Übergängen – kommt einem in den Sinn. Nicht umsonst stellt der Künstler mit diesem Titel Bezüge zur Musik her.
Er sagt: 'Indem ich die Grundelemente von Malerei isoliere, setze ich sie neu zusammen: Mit dem Bildträger, den Farben, den Linien und der Anordnung der Tafeln, stelle ich, wie z. B. der Geigenbauer, ein Instrument her. Linien greifen das Saitenthema auf, ein Thema mit Umkehrung, vergleichbar mit der Musik.'
Auch in der Reduzierung seiner Farbwahl auf die Grundfarben Rot, Gelb, Blau bewegt er sich auf traditionsreichen Wegen. Erinnert sei nur an Piet Mondrians systematisch-konstruktive Farbenästhetik seiner horizontal vertikal geordneten Bilder. Doch für Assenmachers bildnerische Grundlagenforschung sind die Grundfarben nur Vehikel für die Sichtbarmachung von Farbveränderungen, -mischungen, - vibrationen, für die Dynamisierung der jeweils gewählten Farbstruktur, was durch das Bewegen des Betrachters vor den Installationen in dessen Wahrnehmung eine weitere Aktivierung erfährt.
Die zentrale Bedeutung bei Assenmachers 'variationes' scheint mir in der Herausbildung einer systematischen Methode und damit eines entsprechenden Verhältnisses zwischen formaler Struktur der linearen Farbkordeln und ihrer Farbmischungen zu liegen. Das schließt ein, dass sich bei Assenmacher die Struktur nicht selbst genügt, sondern eine farbfunktionale Bedeutung hat, wie ebenso der optische Effekt nicht Ziel seiner Untersuchungen sein kann. Das Erforschen der vom Künstler bestimmten Sequenzveränderungen der räumlich situierten Farblineaturen, verbunden mit dem Wissen über die Wirkungen der leicht einander versetzten Farblineaturstrukturen, aber auch der physikalischen Eigenschaften der verwendeten Farben, ihrer Energie- und Bewegungsbahnen, wird entscheidend sein für Assenmachers bildnerischen Beitrag, der gegenwärtig zwischen systematisch-konkreter Kunst und Op-Art angesiedelt scheint.
Ihm ist zum einen, ähnlich den systematisch-konkreten Künstlern, den 'Struktursystematikern', mehr an der Erhaltung der Transparenz seiner 'variationes' gelegen als an optischen Effekten wie den Vertretern der Op-Art. Und dennoch überschneiden sich beide Komponenten, d. h. rationale optische Untersuchungen bzw. die entwickelte systematisch-methodische Kombinatorik verbindet sich mit scheinoptischen Phänomenen zu Farbmischungen. Sie sind Resultat des dem Farblinienmaterial unterliegenden Schemas der Anordnung.
Werner Assenmacher geht es also nebst der Erhaltung der Transparenz seiner Methoden um die Untersuchung der malerischen Wirkungen, der erzielten Farbübergänge und –modulationen der seriellen Struktursyntax.
Es liegt in der Natur der Sache, dass es hierbei Berührungen zu den Vertretern der Op-Art gibt. Die bekannten Phänomene der optischen Farbverschmelzung, -mischung und –nuancierung, z.B. in den Werken Cruz-Diez, kommen in unsere Erinnerung wie ebenso die späten Malereien Brigdet Rileys, bei welchen der optische Effekt den systematischen Strategien ihrer Form-Farbzusammenhänge untergeordnet ist oder Sotos seit 1957 entwickelte Variationen – seine 'Vibrationsstrukturen', wobei Soto, was Assenmacher nicht interessiert, eine minimale reale Bewegung in seine Strich- oder Lineaturstrukturen mit einbezieht und allein auf den optischen Effekt setzt.
Eins dürfte gewiss sein, dass ein erfinderischer Geist wie Assenmacher, sich im 21. Jahrhundert weder allein auf systematische Strukturuntersuchungen noch auf eine sehr schnell zur spielerischen Attitüde mutierenden und heute verbrauchten Op-Art konzentriert. Geht es doch in der konkreten Kunst von heute um die Erfindung neuer, undogmatischer offener Konzepte.
Dieter Honisch brachte es 1991 in der von mir initiierten und wohl auch ersten gemeinsamen Exposition von ost- und westdeutschen Künstlern nach der Wende in dem Vorwort zur Ausstellung 'Position Konkret – 6 Künstler aus Deutschland' auf den Punkt, wenn er sagt: 'So wie sich früher konkrete Kunst aus der 'anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung' löste, um eine eigene Wirklichkeit oder 'neue realitäten' hervorzubringen, so muss sie sich heute neu für den Betrachter öffnen und diesen in sich einbeziehen ... Diese Loslösung von Naturvorbild und Abstraktion, wie sie die historische konkrete Kunst anstrebte, ... muss heute, um die Bezeichnung 'konkret' einzulösen und nicht zum Formalismus zu werden, Material und Betrachter gleichermaßen in den Arbeitsvorgang einschließen.'
Und daran arbeitet Werner Assenmacher – auf den Fortgang seines Werkes dürfen wir gespannt sein.
Dr. Ingrid Adler zu "variationes" von Werner Assenmacher, in: en passant - Werner Assenmacher, 2004, o. S.
"Mit 'variationes' hat Werner Assenmacher ein bestimmtes Konstruktionsprinzip entwickelt, das in Serien bzw. Variationen durchgearbeitet wird. Das bedeutet auch, daß die jeweiligen Ergebnisse sich aus vorgegebenen Formen entwickeln, die nicht bildnerische Zielvorstellungen anstreben. Die Verwirklichung ergibt sich aus der Anwendung eines strengen Prinzips, indem die drei Grundfarben in immer gleicher Anordnung varriiert werden und zugleich im Ergebnis eine unerschöpfliche Vielfalt zeigen. Für den Künstler ist damit auch ein Stück Grundlagenforschung verbunden, einmal in Bezug auf Malerei - Bildträger, Farbe, Linie - und auch auf die Rezeption von Kunst, indem die Arbeiten bei jedem Blickwinkel anders wirken. Sie entstehen im Kopf des Betrachters, sind sehr vielfältig und ergeben eine dauernde Veränderung je nach Betrachterstandpunkt. Das Verhältnis Subjekt - Objekt wird so in seiner Vielschichtigkeit und Komplexität thematisiert."
Dietlinde Schunk-Assenmacher im Jahr 2002.
Die Arbeiten Werner Assenmachers stellen eine Weiterentwicklung im
Bereich der Konkreten Kunst dar, die ihre Spannung aus der Verbindung
von Material, Farbe und Form gewinnt. Er experimentiert mit den
Grundelementen jeder Malerei: mit Farbe, Linie und Bildträger. Indem er
Farbe und Linie vom Bildträger entfernt, isoliert er diese drei
Grundelemente. Aus rohen Leisten zusammengefügte schwarze Holzkästen
werden mit Kunststoffkordeln bespannt, für die er ausschließlich die
Grundfarben Blau, Rot und Gelb verwendet sowie Schwarz-Weiß. Der Blick
erfasst jedes dieser einzelnen Elemente, es entwickeln sich
dreidimensionale Liniengerüste. Im Bildraum entsteht ein dynamisches
Eigenleben, Form und Farbe entfalten einen erweiterten Eindruck, der
sich als Ort streng-spielerischer Strukturen darstellt. Seine Arbeiten
gewinnen ihre Spannung aus einem sich langsam steigernden und wieder
verzögernden Rhythmus. Der Blick konzentriert sich auf das einzelne
Element, löst sich, bemerkt das Spiel der Perspektive und fügt Linien
und Farben in immer neuen Variationen zueinander. Seine
Schwarz-Weiß-Arbeiten stellen die Strukturen, die bei den Farbarbeiten
auch vorhanden sind, noch einmal isolierter, noch intensiver dar,
sozusagen unabgelenkt von der Farbe. Insofern ist seine Arbeitsweise
typisch für das, was man Konkrete Kunst nennt.
Gunter Haedke, Berlin
  |  | | | Leporello "Werner Assenmacher strings ’n’ boxes, Ritzungen Variationen Objekte", Galerie auf Zeit, Erfurt (2008) |  |  |
 |  | Ausstellungen außerhalb Oberfrankens |  |  |   |  | 2010 Objekte und Zeichnungen, galerie auf zeit, Rüsselsheim (mit Anne-Katrin Altwein Prognozy dla sztuki Galeria XXI, Radom, Polen (Katalog) Ein Jahr – 47 Positionen – 32 Räume, Museum Modern Art, Hünfeld (Katalog) |  |   |  | 2009
Wieder-Sehen, Kunstverein Bad Hersfeld (mit M.Knaut und M.Gruber) Forum Konkrete Kunst Erfurt, Hommage an eine Gründergeneration
Künstlerforum Bonn, Konkret – Intelligibel
Prognozy dla sztuki Galeria XXI, Warschau, Polen
|  |   |  | 2008
galerie auf zeit, Erfurt (Leporello) |  |   |  | ab 11.12.2005
"MOTIVA", Dauerausstellung, Austria Center Vienna, Wien (B) |  | weitere Informationen |  |  |  |  |
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