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Hermann Rongstock

"Bereits im Treppenhaus riecht es nach Kunst. Vorbei an Bildern und afrikanischen Kunstwerken führt der Weg empor ins Heiligtum - ins Atelier von Hermann Rongstock. Wo soll man nur zuerst hinschauen? Auf die skurrile Muschelwand am Kamin? Auf das antike Bett? Auf die zahllosen kleinen Figuren? Fausts Studierstube könnte so aussehen. Oder Mephistos Brutstätte. Kein Bühnenbildner könnte das besser inszenieren. Als Interviewer darf man in einem Schaukelstuhl Platz nehmen. Unweit eines Totenkopfes, den eine Schlange fest im Griff hat - ein grandios arrangiertes Memento Mori. Alles ist vergänglich.
Leider vergeht auch die Zeit beim zweistündigen Besuch in Rongstocks Haus in der Bayreuther Leopoldstraße viel zu schnell. Allein dieser Raum wirkt spannender als manches Museum. Haust hier ein Phantast? Einer, der längst den Boden unter den Füßen verloren hat?
Beileibe nicht. Wenn Hermann Rongstock beginnt, von seinem Leben zu erzählen, entsteht ein großer Kontrast zu dem inspirierend-ausufernden Szenarium in seinem Atelier. Er wirkt bodenständig, erdverwurzelt und spricht eine klare Sprache. Virtuos beherrscht er in seiner Rede die Kunst des fließenden Übergangs. Fast unmerklich geht es von einem zum anderen. Eine feuilletonistisch-vernebelnde Formulierung wie „er redet, wie Wagner komponiert hat”, würde er aber vermutlich ablehnen. Schließlich sagt Rongstock irgendwann den wahren Satz: „Vernissagenreden sind zu 80 Prozent Blabla.” In Bayreuth wurde er als Kriegwaise 1941 geboren. Seinen Vater hat er nie gekannt. Die Schulzeit absolvierte er im Nachkriegs-Bayreuth. Doch schon bald merkte Rongstock: „Es war mir hier zu langweilig.” So machte er sich auf nach München. Dort widmete er sich zunächst dem Studium der Gebrauchsgraphik an der Blocherer Schule für freie und angewandte Kunst.
Dann kam der große Glücksfall: Der junge Student erregte das Interesse von Oskar Kokoschka. Später folgten Studien an der Hochschule für Bildende Künste in München sowie das Studium der Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Bamberg. Von 1971 bis 1999 arbeitete er als Fachbetreuer für Kunsterziehung am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Bayreuth.
Kokoschka also. „Ich kam in die Weltkunst”, sagt Rongstock heute rückblickend über die Begegnung mit dem berühmten Künstler. Als einen, „der über den Menschen steht”, habe er Kokoschka in Erinnerung. Dieser habe ihn stets „Bayreuther Hermann” oder „Seemann” genannt. Und als Hermann Rongstock zu erzählen beginnt, fühlt man sich sofort ins Wien des frühen 20. Jahrhunderts versetzt. Da ist der Weg nicht weit zu den Amouren Alma Mahlers und zu Gustav Mahler. Und so entgleitet Rongstock dann schon auch mal ein Satz wie „Gustav Mahler war kein guter Lover”. Ach, ja?
Rongstock jedenfalls kam wieder zurück nach Bayreuth. Und er zählt zu den Bayreuther Künstlern (der Begriff Künstler ist hier wirklich angebracht), die sich weit über die Stadt hinaus einen Namen gemacht haben. Im In- und Ausland waren seine Werke zu sehen. In einem Ausstellungskatalog heißt es über Rongstock: „Bei den Pastellbildern versucht er, in der alten Technik zu arbeiten (sein großer Lehrmeister Kokoschka ist dabei nicht zu übersehen). Bei der Zeichnung sind es die Feder und der trockene Tuschepinsel, aber auch Öl reizt ihn zu gewissen Zeiten. Seine zeichnerische Technik ist brillant, die spitze Feder setzt er wie ein Seziermesser ein; der breite, trockene Tuschepinsel formt ihm gewollte plastische Bereiche wie zum Beispiel Architektur, Straßenzüge oder Bäume, und trotzdem bleibt alles in der Fläche.”
Natürlich spielt auch das Werk Richard Wagners eine wichtige Rolle in Rongstocks Schaffen. Den ersten Preis seines Lebens gewann er als Elfjähriger für eine abgezeichnete Totenmaske Richard Wagners. Wunderbare, durch Wagner inspirierte Bilder zieren das Buch der Bayreuther Festspiele 2006. Heute um 17 Uhr wird Hermann Rongstock im Neuen Rathaus der Kulturpreis der Stadt Bayreuth verliehen."
Roman Kocholl: "Kokoschkas Seemann" am 8. November 2006 anläßlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Bayreuth im Neuen Rathaus

"Rongstock zählt zu jenen wenigen Bayreuther Künstlern, deren unverwechselbare Handschrift längst zum Markenzeichen für eine anspruchsvolle Gestaltungsweise in Malerei und Grafik geworden ist. Dass er dabei verständlich geblieben ist, scheint oft nur auf den ersten Blick so. Hinter seiner vordergründigen Gegenständlichkeit verbirgt sich ein Abgrund eigenwillig feiner Ironie ohne jede Häme, die exakte Beobachtungsgabe dunkler Sinnhaftigkeit hinter schönem Schein oder das Aufblitzen von Zweifeln und Trauer in irdischer Endlichkeit."
Eva Bartylla in Nordbayerischer Kurier vom 12./13. Mai 2001.

"'Vielgestaltigkeit', 'Einfallsreichtum' und 'Vielseitigkeit', das dürften die drei Vokabeln sein, die neben dem anderen großen Wort, der 'Altmeisterlichkeit', das Werk Rongstocks auszeichnen. Ob Literaturillustration oder Naturbild, Stadtansicht oder Mythennachvollzug, Rongstock braucht sich keinen Zwang anzutun, wennn es um den Gegenstand geht, der von ihm künstlerisch gepackt werden soll.
Der Reihe nach: Zyklus I, eine Reihe von Tuschezeichnungen, widmet sich dem 'Faust', dem Leib- und Magendrama der deutschen Seele. Rongstock interessiert sich vor allem für die Nachtseiten des wilden Stücks, für das Nicht-Klassische, die Ingredienzien der Gruselromantik, als sei Goethe ein Bruder E.T.A. Hoffmanns gewesen ...
'Der Fliegende Holländer', das ist noch so ein Mythos der (nord)deutschen Seele. Rongstock zaubert ihn in ein paar bewegten Bildern herbei, hergestellt in einer flirrenden Technik, als wären sie von Wasserwellen durchflossen, die der Holländer seit Ewigkeiten durchschneidet. Tuschestriche bilden die zittrigen Konturen, bedeckt von dunkel explodierenden Farben.
...
Man könnte noch auf vieles hinweisen: auf die Jean-Paul-Blätter, die grafischen Aphorismen 'Unsere Nachkommenschaft geht noch durch eine Nacht voll Wind und Nebel und durch einen Nebel von Gift', sagt der Dichter, und Rongstock zeigt die Nachkommenschaft vor der Nürnberger Frauenkirche des Zweiten Weltkriegs - man könnte auf den souveränen Strich, den wilden aber kalkulierten Farbauftrag, die Qualität der Menschendarstellungen hinweisen."
Frank Piontek in Nordbayerischer Kurier vom 16./17. Mai 1996.

"Hermann Rongstock wird häufig durch literarische Inspiration zum schöpferischen Gestalten angeregt, man kann sagen, die Beschäftigung mit den Werken der Weltliteratur ist integrierender Bestandteil seiner Kunst. Wer sich eingehender mit ihm beschäftigt, den wird die Vielfalt der literarischen Themen in seinem Schaffen überraschen. Rongstock versucht, die verbalen Möglichkeiten des Dichters, dem er sich zuwendet und dem er seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten leiht, zu verstärken bzw. zu vertiefen, indem er sie erweitert durch seine eigenen Beobachtungen des Menschen, seiner Natur, seiner erfreulichen, aber auch seiner bedenklichen Seiten. ...
Im graphischen und malerischen Werk des Künstlers spielen Shakespeare, Goethe und Jean Paul eine besondere Rolle. In den letzten Jahren ist er vor allem als Illustrator von Goethes Faust und immer wieder als Interpret Jean Pauls hervorgetreten. ...
Hermann Rongstocks Werk erschließt auch die vergangene und gegenwärtige Wirklichkeit seiner oberfränkischen Heimat. Die heimatliche Topographie hat einen hohen Stellenwert für ihn. ... Aber er ist nicht Heimatkünstler oder Historienmaler geworden, sondern er hat in dem Themenangebot, das er vorfand, sehr selbstbewußt ausgewählt und die Realität der Landschaft und der Geschichte, die sich hier einmal entfaltete, in die eigene Phantastik transformiert. Verfremdung der oberflächlich vertraut erscheinenden Welt zum Unvertrauten, ja Unheimlichen begegnet uns in seinem Schaffen, vor allem in den Werken, die das markgräfliche Bayreuth sowie Jean Pauls Romane illustrieren. ...
Vergleichbar souverän, wie Rongstock mit der höfischen Welt der Markgräfin Wilhelmine oder den Gestalten der Weltliteratur umgeht, ist auch sein Verhältnis zur heimischen Landschaft, wie es sich in seinen Graphiken und Gemälden spiegelt. Auch hier kann Vertrautes oder vertraut Erscheinendes exzentrisch daherkommen, exzentrisch durch den Schuß Surrealismus, den romantische Motive der oberfränkischen Landschaft in der Gestaltung durch Rongstock annehmen."
Joachim Korb: Hermann Rongstock als Illustrator, in: Buchillustration 63, 1986, S. 3-4.

"'Ich brauche die alte Kunst', sagt er [Hermann Rongstock] selbst, 'für mich ist sie der Nährboden, alles was sich spektakulär als Avantgarde bezeichnet, bewegt mich weniger. Nicht weil ich in musealer Erstarrung lebe, sondern weil ich daraus ästhetisches Bewußtsein schöpfe.' Die Orientierung am klassischen Vorbild, an der Natur und am Menschen scheint mir im vielschichtigen Werk Rongstocks charakteristisch zu sein.
Seine Arbeitsweise. Bei den Pastellbildern versucht er, in der alten Technik zu arbeiten (sein großer Lehrmeister Kokoschka ist dabei nicht zu übersehen). Bei der Zeichnung ist es die Feder und der trockene Tuschepinsel, aber auch Öl reizt ihn zu gewissen Zeiten. Er ist kein Künstler der in Verschlüsselungen oder Metaphern arbeitet, er ist aber auch keiner, der sich politisch engagiert. Für ihn steht immer das Künstlerische, Ästhetische und das Thema selbst im Vordergrund. Seine zeichnerische Technik ist brilliant, die spitze Feder setzt er wie ein Seziermesser ein; der breite, trockene Tuschepinsel formt ihm gewollte plastische Bereiche wie z. B. Architektur, Straßenzüge oder Bäume, und trotzdem bleibt alles in der Fläche."
Curt Heigl: Atelierbesuch bei Hermann Rongstock, in: Gesamtkatalog der Ausstellungen, 1982, S. 27.

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