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Sterzbach, Anne

"Anne Sterzbachs scheinbar schwerelose oder lastende, plötzlich erscheinende oder beinahe verschwindende Objekte bewegen sich im Übergang zwischen Raum und Fläche. Die Erschließung des dreidimensionalen Raumes und die Auseinandersetzung mit der zweidimensionalen Fläche sind für die Künstlerin gleichermaßen wichtig.
...
Mit ihren aus Alltagsmaterialien entstehenden Objekten arbeitet Anne Sterzbach in einem "Zwischenbereich des Materiellen und Immateriellen" (Petera Weigle), in dem jeder Gegenstand zugleich konkrete und abstrakte Eigenschaften besitzt. Dem Alltäglichen wird eine formale und atmosphärische Kraft abgespürt, die sich im Dialog mit dem Umraum, im Spiel mit Licht und Leere, entfaltet.
Die Objekte werden meistens unmittelbar durch die ästhetischen und haptischen Eigenschaften des gefundenen Materials inspiriert, das nur selten zugeschnitten oder auf andere Weise verändert wird. Ein Strohhalm ist eine Linie, die innen hohl ist. Sie kann abknicken und neugierig um die Ecke schauen. Ein Pfeifenputzer ist der rhythmisierte Pinselstrich eines Aquarells an der Wand, der in den Raum ausstrahlt. Die Spitzen zweier gegeneinander gerichteter Schaschlikspieße, die sich nur fast berühren, laden den kaum sichtbaren Raum zwischen ihnen energetisch auf. Was Anne Sterzbach in ihren Arbeiten umsetzt, beschreibt Franz Xaver Baier anschaulich in seiner Schrift über den Raum: 'Materialien erzeugen Nähen und Distanzen. Sie liften den Raum und ziehen nach unten... [...] Räume stecken bereits in den Materialien.' (Franz Xaver Baier, Raum. Prolegomena zu einer Architektur des gelebten Raumes, Köln 1996, S. 98.)
Anne Sterzbachs Objekte sind genaue Setzungen im Raum, manchmal spröde und widersprüchlich, manchmal heiter und oszillierend. Sie nehmen das strapazierte Auge gegen die Bilderflut in Schutz und schulen gleichzeitig unsere Fähigkeit, Räume zu erschließen. 'Räume sind Lebewesen' schreibt Baier. 'Sie können sich dehnen, strecken, runden, abheben, fliegen und uns mitnehmen." (Franz Xaver Baier, a.a.O., S. 7.) Dies will Anne Sterzbach: die Dinge in die Freiheit entlassen, dorthin, wo sie ihr eigenes Leben entfalten können und zu Gebilden werden, die fähig sind, für sich selbst zu sprechen."
Magdalena Holzhey: Linien und Räume. In: Anne Sterzbach, 2003, o. S.

"Anne Sterzbach kann weder auf die Linie noch auf das Objekt festgelegt werden - sie lässt sich überhaupt nicht festlegen: weder auf eine Nachfolge so mancher Zeichner der Gegenwart oder auf bekannte Künstler-Denker in Objekten, noch technisch auf die eine oder andere Art des Herstellens. Nur, dass sie zeichnet und feine Denk-Objekte macht, ist eine Zugehörigkeit. ...
Ihre Kunst ist eine Bereicherung der Zeichnung, das heisst auch der Liniensprache. Sie setzt persönliche Zeichen der subjektiven Wahrheitserforschung. Deshalb ist ihre Zeichnung auch nicht festzulegen - ebenso wenig wie die Objekte aus Metall, Baumwolle und Gips. Im Unterschied zu den freischwebenden Strichen, die ja zum Beispiel etwas Vagierendes haben können, sind die Objekt stofflich gebunden. Das Lineare, das Profilierende, ist aber im Objekt ein führendes Prinzip, ja man erwägt, ob sich konsistentes Stoffliches nicht gerade in der Funktion des Gegensatzes findet, wie bei den Akrobaten, wo der Bodenhaftende das Spiel in der Luft, im Raum ermöglicht, dem das besondere Augenmerk gilt. ...
Der auf Anne Sterzbachs Kunst eintretende Beobachter wird aussergewöhnlich sensibilisiert in einer Sprache, die sich nur behelfsmäßig der Alltagssprache bedienen muss, sonst aber dürfte nur Poesie sich an diesen Gebilden versuchen."
Eugen Gomringer: Wahrheit und Freiheit in Linie und Objekt. In: Anne Sterzbach. Objekte und Zeichnungen, 1998, o. S.

"Die Unaufdringlichkeit, das Zurückgenommene in den Arbeiten von Anne Sterzbach führt einen schnell zu der Annahme, alles an ihrer Kunst sei zart und zerbrechlich. Betrachtet man sie eingehender, bemerkt man jedoch, daß auf dem meist engen Raum harte Kontraste herrschen. Zwischen schwarz und weiß, leicht und schwer, rund und eckig, hart und weich; elementare Spannungen, die sich nicht lösen lassen und das Objekt oder die Zeichnung in einen seltsam ambivalenten Schwebezustand versetzen. Linien, die wir als zweidimensionale Formen zu sehen gewöhnt sind, werden plötzlich zu dreidimensionalen Gebilden im Raum; was wir für einen simplen Aufwärtsstrich hielten, bekommt unversehens Masse und Gewicht, unter dem er sich krümmt. Ist in Wahrheit ein in sich zusammensinkender schwarzer Rundstab, der der Anlehnung bedarf an einer Wand, um nicht ganz umzufallen. Ein schmaler, weißer Quader, eindeutig ein räumliches Objekt, so meint man, zeigt sich von solcher Oberflächenbeschaffenheit und Farbe, daß er eins mit der Wand zu werden scheint, in ihr verschwindet, flächig wird und nur noch an den Kanten, an den Schatten, als Liniengebilde wahrgenommen wird.
Oder umgekehrt: Nicht in der Wand verschwindet, sondern vor ihr zu schweben beginnt, schwerelos wird und doch das Gewicht tragen kann des lastenden Metallstabes auf seiner Oberseite. Diese Paradoxien der Wahrnehmung könne sich steigern bis zu Vexierspielen, die mit unseren Sehgewohnheiten von perspektivischen Darstellungsformen jonglieren. Aus tatsächlich im Raum materialisierten Linien und auf die Wand gezeichneten Strichen zaubert Anne Sterzbach Figuren hervor, deren fiktive Räumlichkeit hinter die Wand führt. ...
Bei Anne Sterzbach trifft der Wesenszug des Traditionellen höchstens auf die Zeichnungen zu, die in aller Regel mit Bleistift auf Papier ausgeführt sind. Gegen jede Regel verstößt dagegen die Materialauswahl für ihre Objekte: Nägel, Stoff, Draht, Gips, Schnur und Faden werden in rare und delikate Verbindung gebracht. Das zeugt nicht von einer bloß bastlerischen Begabung oder einer besonderen Materialbesessenheit der Künstlerin, sondern es zeigt, wohin die Reise geht: in Richtung Reduktion."
Stephan Trescher am 21. Februar 1999 anläßlich der Ausstellungseröffnung in der Galerie Defet, Nürnberg.

"Die Auseinandersetzung mit der zweidimensionalen Fläche und mit dem dreidimensionalen Raum stehen in Sterzbachs Arbeit gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander. ...
Anstoß für Sterzbachs Zeichnungen ist oft die eingehende beobachtete Linienführung von Gegenstandsbegrenzungen. ...
Auch viele der plastischen Objekte Sterzbachs werden wesentlich von linearen Wirkungen bestimmt. Wenn etwa ein schwarzer Baumwollfaden, sich selbst genügend an einem Nagel hängt oder durch einen Gipswürfel oder in eine Wand gefädelt ist, wenn ein gebogenes Drahtstück allein auf einem Sockel stehend oder zwei gerade Metallstäbe nebeneinander an einer Wand lehnen, dann sind dies Zeichnungen mit anderen Mitteln und um die dritte Dimension erweitert. ...
Andere, manchmal auch materialbedingt buntfarbene Objekte entstehen aus dem Kombinieren banaler vorgefundener Alltagsgegenstände wie Flaschenverschlüsse, Hula-Hoop-Reifen oder Klebebänder. Aus solchen Versatzstücken abstrahiert Sterzbach die formal-ästhetischen Eigenschaften ohne freilich den einstigen Funktionszusammenhang ganz vergessen machen zu wollen. Ihre Poesie entwickeln diese Objekte gerade auch aus den Wechselwirkungen zwischen den zurückgelassenen und den neu erwachsenen Deutungsebenen."
Rainer Thomas, Über die Arbeiten von Anne Sterzbach, im Mai 2000.

"Die Objekte und Zeichnungen der Künstlerin fordern uns heraus - heraus aus unseren Sehgewohnheiten. Zweilen sind sie spröde und karg, sie stellen Anforderungen an unser Vorstellungsvermögen. Sie sind ernst aber dennoch leicht. Sie scheinen zurückhaltend und zugleich anziehend. Sie sind klug und - sehr wahrscheinlich - auch philosophisch."
Anette Ruttmann: Ich sehe was, was du nicht siehst. In: Anne Sterzbach. Objekte und Zeichnungen, 1998, o. S.

Ausstellung außerhalb Oberfrankens

26.10.2008
Ausstellungseröffnung "Zur Kontingenz der Linie", Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg, 11 Uhr
27.10.2008 - 01.03.2009
"Zur Kontingenz der Linie", Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg