| Schellenberger, Hans "Hans G. Schellenbergers Liebe gehört der Darstellung der Landschaft. Diese Aussage mag überraschen, sieht man seine neueren Bilder das erste Mal. Sie sind weit entfernt von dem, was man sich unter Landschaftsmalerei gemeinhin vorstellt. Ihnen fehlt das Typische dieses Genres, weil sie zu Gunsten des dargestellten Landschaftserlebnisses auf die eindeutige Ortsbeschreibung verzichten. In seinem erweiterten Landschaftbegriff, der auch die Seelenlandschaft einschließt, ist nicht das Erscheinungsbild einer Gegend das Wesentliche, sondern die Grundstimmung, die Atmosphäre, die jeder Landschaft in spezifischer Weise zu eigen ist und sie damit unverwechselbar macht. ...
Schellenbergers Landschaftsbilder sind Interpretationen und persönliche Erinnerungen an Landschaftserfahrungen. Etliche Maler vor ihm haben eine ähnliche Auffassung vertreten. Besonders deutlich ist die Geistesverwandtschaft bei William Turner, der sich immer mehr vom Gegenständlichen gelöst hatte, um ortstypische Atmosphäre in seinen Bildern festzuhalten. Wie Turner ist auch Schellenberger die Stimmung wichtiger als topographische Bestimmbarkeit. Seine Bilder wecken Erinnerungen oder rufen Vorstellungen hervor, die erstaunlich oft mit den Bildtiteln übereinstimmen. Die Erinnerung entzündet sich dabei an Farbklängen."
Klaus Leibing, Vorwort, in: Hans G. Schellenberger - Gemälde, Zeichnungen, Collagen, 1993, o. S.
"Von recht konkreten Arbeiten, zum Teil noch vom Ende seiner Studienzeit, bis zu den heutigen abstrakt-flächigen Malereien wird dabei das Interesse des Malers an Strukturen deutlich, die er aus seinem Hauptthema isoliert: der Landschaft.
Die Landschaft beginnt links unten. Von da aus breitet sie sich diagonal über die gesamte Bildfläche aus. Vor den Augen des Betrachters flirrt der impulsive Strich, tanzen die vielfarbigen Pinselspuren, bis sich das Gesehene mit der eigenen Erinnerung mischt und die Assoziation Raum greift. ... Der stimmungsvolle Farbklang ist es, mit dem Schellenberger unsere sensitive eigene Wahrnehmung aktiviert.
'Wenn ich Landschaft sehe, also zum Beispiel eine Wiese und ein Feld', erzählt Schellenberger, 'dann sehe ich grün und braun.' Und so bildet Schellenberger Landschaft nicht im üblichen, naturalistischen Sinne ab. Nur noch selten malt er 'nach der Natur'. Vielmehr spürt er die Strukturen der Landschaft auf, vermischt sie mit den Strukturen, die beim Malen entstehen, läßt den Zufall mit einfließen.
So auch in den Zeichnungen: Dichte, übereinander hingeworfene Schraffuren, der Kontrast von bearbeiteter und freigelassener Fläche, einige relativ konkrete Details, die in die Abstraktion hinüberfließen - das was wir sehen entsteht schließlich im Kopf. Schelllenberger spielt mit den Sinnen des Betrachters. Spannende Effekte erreicht er besonders in seinen Collagen - und in den Pseudocollagen, denn man muß schon genau hinschauen, ob die scheinbaren Stoff- und Papierfetzen real sind oder aufgemalt."
Heidi Höhn in: Neue Presse Coburg vom 18. September 1993.
"Das Arbeiten in einer gewissen Nähe zur naturalistisch erfassten Landschaft ist bei Schellenberger keine abgeschlossene frühe Periode seines Schaffens, sondern spielt sich gleichzeitig, im Wechsel und unmittelbar nebeneinander mit den Bildern ab, die wir auf den ersten Blick für reine Abstraktionen halten, die aber einen engen Bezug zu Natur und Stimmung der Landschaft oder zu einer anderen, im Leben und in der Umwelt verwurzelten Gegebenheit haben, etwa einer menschlichen Siedlung. ....
Es gehört zu den mutigen Taten von Künstlern, so wie Schellenberger es tut, den Diskurs des vorigen Jahrhunderts bis zum Beginn der Abstraktion im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wiederaufzunehmen und sich in die Spannung der Gleichzeitigkeit von 'naturalistischen' und 'abstrakten' Werken zu begeben. Naturalistisch: Bilder von Felsfomationen, aus deren Spalten Pflanzen wachsen, und die einen geheimen Linienrhythmus in sich bergen, der nur verstanden wird, wenn er als Abstraktion gesehen und erkannt wird. Abstrakt (und bewußt dem naturalistischen Werk zur Seite gestellt und gleichzeitig erarbeitet:) Farbflecken, Farblinien, Farbgitter, oder graphische Strukturen, die über die Fläche ziehen und Rhythmen bilden oder gespannt oder gelassen verharren, ihre Energien aber in die Tiefe ihrer Schichtungen entfalten, das hat viel mit Musik zu tun und ist polyphon wie bei Johann Sebastian Bach. Wer diesen Gegensatz erkannt hat, stellt die Holzwegfrage nicht mehr."
Axel Janeck, Zwischen Bild und Inbild, in: Hans G. Schellenberger - Notizen über Erkundung geheimer Berichte, 1999, o. S.
"Manches ist schon geschrieben worden über die romantische Verwandtschaft der Bilder Schellenbergers zu Caspar David Friedrich und über die Linie, die sie weiterführen in die Abstraktionen unseres Jahrhunderts. Form mischt sich mit Gekritzel, Aufruhr kontrastiert zur Idylle, den breiten Riß, der wie eine Wunde quer durchs Papier geht, demonstriert ein Streifen Leukoplast, Magie konterkariert das Banale. ...
Der Riß, der durch die neuzeitliche Welt geht, ist nicht verheilt. Aber das Interesse an ihr übersteigt mittlerweile das an ihren Gebrechen. Schellenberger gehört zu den Künstlern der Postmoderne, die ihre Bilder nicht als Ankläger oder Verteidiger malen, sondern einfach hellwach und neugierig sind.
Gerhard Kraus in: Coburger Tageblatt vom 10. März 1999.
Schellenbergers "Bildtitel assoziieren oft das Meer, südliche Seen, Landschaften, Städte, Inseln ('Thera'). Doch sie vermitteln lediglich Ahnungen per Farbklänge und Strukturen. Die Palette ist reduziert. Der Reiz liegt in den Tönungen. Es sind Fiktionen nach ganz und gar subjektiven Maßgaben. Die Topografie liefert allenfalls eine Stimmungsinitiale. Der Rest ist künstlerisch-ästhetisches Phantasieprodukt. Und Schellenberger bereitet dann kulinarische Farbgerichte: Er würzt mit Gelb, pfeffert mit Rot und läßt alles in Blau ertrinken. Erinnerungen an Menschenwelt oder vergangene Kulturen klingen zuweilen an: Verschüttetes, Freigelegtes, Gefundenes, Erfundenes, Fragmentarisches; Wohnkartons etwa. Zivilisationsrelikte, Papierflugzeuge. Doch das ist bereits Poesie, irgendwo flanierend zwischen Romantik und Abstraktion. Zuweilen vermutet man: Da hat einer Sehnsucht nach blauen Fernen, ein verkappter Romantiker, dem aber die Diesseitsdetails ständig dazwischenkommen.
Auch der Grafiker Schellenberger, malt, wolkt, strichelt, mustert, harft, musiziert mittels dichter Strichlagen, bringt mit sparsamer Zeichnung oder Knittercollage 'Architekturen' ins Geviert und verweist damit auf menschliche Gefilde. Zuweilen zitiert er konkretes Weltdetail per Foto. Wichtig ist ihm aber immer eine malerische Stimmungslage, die er jedoch beunruhigend mittels herzloser Gerade oder gerissenen Papieren kontert. Das stimmungsvolle Hell-Dunkel wird harter Gegenständlichkeit ausgesetzt. Weite Blattteile beläßt er dabei gern im Nonfinito, im Ungefähr, im Vagen, Undefinierten, im Leeren, im Nichts, im All. Seine 'Terrains' sind vor allem grafische Terrains."
Maren Kroneck, Magische Dringlichkeit und kulinarische Farbgerichte, in: Hans G. Schellenberger - Gemälde, Zeichnungen, Collagen, 1993, o. S.  |  | |