| Lyrik von Axel Krueger "[...] Wie Fremdlinge purzeln die Textgebilde auf mich herein. Und jedes von ihnen enthält Fußangeln, die zum Verweilen drängen. Noch einmal gelesen und wieder, wird man bemerken, dass jedes der Formgebilde auf kleinem Raum ein Fenster öffnet und den Blick frei gibt hinaus in eine Weite ohne Grenzen. Man fängt an, sich Wort für Wort hindurch zu tasten und die darin gebannten Augenblicksmomente festzuhalten. Man beginnt, sich in ihnen wie in Tapetenmustern umzusehen - und wird unversehens der Zeit enthoben. [...]
Es sind die genau festgehaltenen Eindrücke, die mit wachen Sinnen unterwegs eingesammelten Entdeckungen aus Natur, es sind jahreszeitliche Augenaufschläge und genaue Wahrnehmungen von Gedanken und Empfindungen. Jeder Dreizeiler ist mehr als eine bloß zugeflogene Beobachtung. Jeder intoniert einen sinnlichen Klang. Jeder nimmt den Leser in eine Bewegung hinein, die weiter schwingt und ins Offene hinausweist. Jeder schlingt um ihn ein sanftes Band: Die Natureindrücke und Gedankenimpulse der Texte ziehen ihn in sprachlich eröffnete An-Sichten hinein. Aber herkömmliche ‘Romantik‘ ist das nicht, wiewohl keinerlei skeptische Welterfahrung eines heutigen ‘aufgeklärten‘ Bewusstseins darin zur Sprache kommt. [...]
Wer jedoch meint, es handele sich hier um mutwillig hingeworfene Zeilen, ist auf keiner guten Spur. Denn die Texte sind durch ein strenges Sieb gepresst und gefiltert worden. Das geschieht nicht ohne entschiedene, bewusste oder unbewusste Anstrengung. Erst durch dieses Nadelöhr hindurch stoßen sie durch zu einer reflektierten, geprägten Form, die in allen Dreizeilern durchgehalten ist: Zwei Fünf-Silben-Zeilen umschließen jeweils eine Sieben-Silben-Zeile. Es handelt sich um die jahrhundert-, jahrtausendlang geübte Gedichtform der japanischen Haikus. Hier wird sie für heute in Gebrauch genommen, um die eigene Welt- und Existenzerfahrung zu erproben. Naturentdeckungen und Gedankenfährten sind das eine. Der Mensch, der sich ihnen öffnet und niederschreibt, ist ein anderes. Man kann beide analytisch voneinander trennen. Hier aber schwinden die Distanzen. Beide Pole wirbeln in-einander und treiben auf einen Fluchtpunkt zu. Und zugleich ziehen sie den Leser als einen Dritten mit sich fort in einen offenen Horizont hinein." [...]
Dr. Wilhelm Albrecht zu "Fünfsiebenfünf", erschienen im Eigenverlag 2005. "[...] Schwer, über die leichten, schwerwiegenden Gebilde zu sprechen, ohne in die Falle der Eindeutigkeit zu tappen. Leicht, in Chiffren zu reden, die Axel Krueger längst hinter sich gelassen hat, weil sich die Sprach- und Ich-Skepsis derart tief in sein Werk eingegraben hat, daß der Leser/Beobachter sich wie ein Fremdling, ein Eindringling fühlen muß.
Der im ursprünglichen Sinne triviale Leitsatz, daß jedes Gedicht ein Liebesgedicht sei – wer hat das gesagt? – setzt den Dichter ins Recht. Krueger ist fraglos ein Dichter: ein Ver-Dichter, der im Lockeren fugenlos das, was schwer genug war, niederzufallen, zusammendichtet. Hier liegt es nun: ein Lächeln, ein Strahl, eine Hoffnung aufs geglückte Leben. Die offene Form, provoziert durch die verschlossenen Augen, das Schweigen, birgt das, was Richard Wagner einst den „schwermütigen Blick der Liebe“ genannt hat: dahin zu den fahrenden Dingen. Krueger ist da durchaus genau; in den Feinstrukturen von Wind und Schatten, von Ahnung und, ja, Gegenwart, stehen sie da, die Rätselbilder Zauberzeichen: im Zeichen des Prinzips Hoffnung. Ernst Blochs Riesenessay, den Krueger nicht kennen muß, um ihn zu kennen, beginnt nicht zufällig mit den wenn auch „kleinen“ Tagträumen, denen nicht allein eine der Verdichtungen Axel
Kruegers ihre Existenz verdankt. „Wir fangen leer an“, so beginnt das Monumentalwerk des Dichters und Träumers: „Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.“ Kruegers Kindschaft besitzt nicht zum Wenigsten jene Unzufriedenheit, die aus dem Leben eine schmerzvolle Suche macht, lebenslang. Die Kunst profitiert davon, das Leben setzt sich in Abbrüchen fort, die dann, man hat`s am Anfang nicht geahnt, zu Formen gebosselt werden, die ihrerseits jede Menge Abbrüche, Fragmente dessen bereithalten, was früher „Bekenntnis“ hieß. Heute weht`s im Abgeschatteten, im Stillen, im Kaumgreifbaren.
Wer Axel Kruegers Verdichtungen als „fertige“ versteht, mißversteht ihren lavierenden Charakter, der eher in der Meditation als dem wissentlich „Geglückten“ seinen Kern hat. Kein Wunder, daß dem sprachlichen Verdichter gerade das Mittel dieser Verdichtung problematisch ist. Vers und Sprache werden zu notwendigen Paradoxien, zu frag-würdigen Hilfsmitteln auf dem Weg zu nichts Geringerem als dem Sinn des Lebens. ´Gesammelte Tränen /im gold`nen Gefäß der Hoffnung. / Der Himmel spiegelt sich darin - / mit uns dazwischen´: das Gefäß, ein Fundstück im Gewirk der Zeit, Kruegers Gral, in dem Individual- und Menschheitsgeschichte eins werden (und auch das ist paradox): das kleine und das große Äon, ´im uralten Zeitmaß / gültig noch immer´. Gültig für wen? Für den, den`s angeht: für ein Du, das gegenüber der Ich-Skepsis eine gänzlich andere Differenzierung machtvoll errichtet. Kein Wort zuviel, ´jedes Wort versagt´. Doch muß es gedacht, geschrieben werden: gegen den Wind Vergessen, den Schatten Vergeblichkeit, um – Prinzip Hoffnung – die Ahnung festzuhalten, daß es etwas Anderes gibt als Vergeblichkeit. Kruegers Verdichtungen – die Bilder: feinziseliert wie die Worte, die Sätze – beweisen, daß es sich lohnt, und siehe da, zwischen Stille und Hoffnung entsteht es plötzlich: das Haltbare im Schwebenden – für den, den`s angeht."
Dr. Frank Piontek zu "Über Jahre Hin-Weg", erschienen im Eigenverlag 2007.  |  | |